Sonntag, 29. Februar 2004
Gestaltung | 10:00
Gestaltung zählt
Andrei Herasimchuk und Donna Driscoll schreiben in ihrem Weblog Design by Fire einen ausgezeichneten Artikel über die Bedeutung von Design.
Design matters. It matters in everyday life. It matters in everything we consume or use. It matters in every human endeavor. Without design and those people that commit their lives to its practice, the world that would result from that absence would be an intolerable place to live.
Leider wird aber auch dieser Artikel nichts an der Mein Neffe hat einen PC, der könnte doch unsere Website/Hauszeitung/Geschäftsausstattung machen-Mentalität ändern können – meistens mangelt es nämlich schon an der Fähigkeit, Designqualität überhaupt beurteilen zu können; geschweige denn, die Bedeutung von Design für das eigene Produkt, die eigene Dienstleistung oder die eigene Firma auch nur annähernd einschätzen zu können.
Zukunft
Als ich 1986 anfing, Produkt-Design zu studieren, sagte uns eine Professorin eine glänzende Zukunft voraus: Ihr habt beste Berufschancen, denn bei der Vielzahl ähnlicher Produkte, die auf dem Markt erhältlich sind, spielt zukünftig nicht mehr die Funktionalität, sondern das Design bei der Kaufentscheidung die wichtigste Rolle.
Wie man sich täuschen kann. Zwar werben mittlerweile unzählige Firmen mit dem Designer Zusatz (es gibt Designer-Möbel, Designer-Unterhosen, Designer-Nudeln usw. – dabei fällt mir dann immer auch die Schlachterei in meiner Heimatstadt ein, die sich Anfang der 80er euphemistisch Wurst und Geflügelboutique nannte, kein Witz!), aber von Design ist in der Regel wenig zu bemerken, sieht man mal von besonders schrillen Farbkombinationen oder nutzlosem Zierrat ab.
Es ist müßig, über die Ursache dieser Diskrepanz zu spekulieren, ich möchte daher eher auf die Notwendigkeit guter Gestaltung in Zeiten von Reizüberflutung und Informationsüberfluss eingehen.
überfluss
Jeder Mensch ist täglich abertausenden von Botschaften und Sinnesreizen ausgesetzt, Geräuschen, Gerüchen, optischen Eindrücken: Morgens wird man vom Radiowecker geweckt, beim Frühstück wird die Zeitung überflogen, in der U-Bahn oder im Auto zur Arbeit rauscht die Umgebung mit bunten Großflächenplakaten und Abgasgerüchen vorbei, Gesprächsfetzen dringen an unser Ohr, im Büro/in der Fabrik läuft das Radio bis zum Feierabend durch, Akten müssen gelesen, Maschinen müssen bedient und überwacht werden, Telefone bimmeln, abends bedudelt uns der Fernseher, wir blättern nochmal in einer Zeitschrift, lesen im Bett ein Buch
Diese Menge an Informationen kann unser Gehirn unmöglich verarbeiten oder gar speichern. Deshalb wird das, was vom Unterbewusstsein als unwesentlich oder uninteressant erachtet wird, von einem Filtermechanismus gleichsam reflexartig ins Ultra-Kurzzeitgedächtnis verwiesen, woraus es nach ca. 10-20 Sekunden auch schon wieder verschwindet, um Platz für Neues zu machen. Eindrücke mit gewisser Relevanz werden immerhin schon ins Kurzzeitgedächtnis übernommen, wo sie bis zu ca. 20 Minuten gespeichert werden können. Aber erst, wenn eine Botschaft nicht nur wahrgenommen, sondern auch assoziativ verarbeitet wird, gelangt sie ins Langzeitgedächtnis, wo sie jahrelang, mitunter auch ein Leben lang gespeichert wird.
aber was hat
das mit Design
zu tun?
Das Hauptinteresse eines Unternehmers, der Geld für die Kommunikation seiner Firma oder seines Produktes ausgibt, liegt in den meisten Fällen zweifellos darin, dass dieses Produkt von möglichst vielen potentiellen Kunden in ihre Überlegungen beim Kaufentscheid mit einbezogen wird. Das dumme mit den Werbebotschaften ist aber nun – analog zu den oben ausgeführten wahrnehmungspsychologischen Erkenntnissen , dass sie eine bestimmte Relevanz erreichen müssen, um wahrgenommen und verarbeitet zu werden. Mit anderen Worten: Rasenmäherwerbung dringt meist nur bei demjenigen bis ins Bewusstsein vor, der zufällig gerade einen
Rasenmäher braucht – das nennt man dann übrigens selektive Wahrnehmung.
Diese Hürde gilt es also zu überwinden. Man kann, wenn man über genügend Geld und Ausdauer verfügt, auch über ständige Penetration der selben Botschaft ins Langzeitgedächtnis der Konsumenten gelangen – effizienter ist sicher aber die durchdachte Formulierung und Gestaltung dieser Botschaft, um aus der täglichen Informations-Flut herauszuragen und damit möglicherweise kurzzeitig den Wahrnehmungsfilter auszuschalten.
nicht, man
muss auch
gehört werden
Genau an diesem Punkt sollte eigentlich der Designer ins Spiel kommen, wäre da nur nicht immer wieder jener Abteilungsleiter mit dem Neffen, der später mal was mit Design machen will und auch schon einen PC mit allen Grafikprogrammen hat. Natürlich ist die Motivation nachvollziehbar, nur stellt sich die vermeintliche Kostenersparnis häufig als das komplette Gegenteil heraus:
als für Druckkosten oder Web-Infrastruktur nutzlos aus dem Fenster geworfenes Geld, weil die Botschaft wirkungslos und ungehört im steten Strom der Informationen verhallt.
Was erstaunlicherweise immer wieder verwechselt wird: Nicht der PC oder die Grafik-Programme machen die Websites und die Prospekte, sondern die Gestalterin oder der Gestalter, die sie benutzen. Wer wollte denn ernsthaft von seinem Neffen erwarten, dass er unverwechselbare, im Gedächtnis bleibende, wirkungsvolle Kommunikationsmittel kreiert, bloß weil er einen Computer sein eigen nennt? Wer würde denn seinen Blinddarm von einem Designer herausnehmen lassen, bloß weil der ein Skalpell besitzt? Reicht etwa ein Federhalter, um einen Faust schreiben zu können? Eine Maurerkelle, um ein Haus zu bauen?
I feel its time for designers in the high-technology field to take back the design agenda from those that seem to have no design background. Its time to stop having the goals of design dictated to us by those who seem to lack an understanding for the fundamentals of design.
schreiben Andrei Herasimchuk und Donna Driscoll am Ende ihres Artikels – dem ist nichts hinzuzufügen.
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