„Allürenbehaftete Grafik-Design-Diven“
Diese Diskussion gab es Ende der 80er Jahre schon einmal: Wozu brauchen wir ausgebildete Designer, wenn doch deren Werkzeuge wie Computer und Drucker mittlerweile erschwinglich geworden sind und von jedem bedient werden können? Das Ergebnis hat man dann gesehen, als sich jeder 80×86 Besitzer, ausgestattet mit einer Coreldraw Raubkopie, fröhlich und selbstbewusst »Designer« genannt hat, à la »so’n bisschen Text und ‘n paar Bildchen auf dem Bildschirm hin- und herschieben kann ja nicht so schwer sein«. Die Qualität vieler Drucksachen dieser »Designer« war leider dermaßen im Keller, dass man sich mit Grausen abwenden und an jeglicher ästhetischen Kompetenz der Auftraggeber, die das zumeist auch noch ohne zu Murren bezahlt haben, zweifeln musste.
An diese Zeiten haben mich die folgenden Zitate erinnert – pbergner schreibt im Artikel Frame-Feeds u.a.:
IMHO wird hier wieder einmal ein grundsätzliches Problem in der Denkweise vieler Designern deutlich. Bei ihnen kommt naturgemäß(?) Design VOR Content, Usability, Webstandards etc. pp. Was zur Folge hat, dass sich alles – von zu kleinen, nicht skalierbaren Schriften bis zu exzessiven Frame-Orgien – dem Design-Korsett zu unterwerfen hat, komme was da wolle.
Und Marcus Völkel, vom dem auch das Zitat im Titel stammt, schreibt im Artikel Corporate Websites zum Thema Websites und Agenturen:
In der Konzeption, im Design, im Text und vor allem in der Frage, was Besucher wirklich wollen, sollte man sie tunlichst außen vor lassen – und wenn das nicht klappt: einfach ignorieren.
Da frage ich mich, wer denn dann die Gestaltung von Websites eigentlich übernehmen soll – Usability Experten etwa? Webdesigner, die ganz toll mit GoLive und Photoshop umgehen können? Oder hobbydesignende Programmierer? Damit dann genau solche Websites entstehen, wie sie pbergner im obigen Zitat beschreibt?
Nein. Die Herstellung von Websites ist eine interdisziplinäre Aufgabe. Und niemand anderes als ein gut ausgebildeter Designer kann in diesem Zusammenspiel die Aufgabe von Konzeption, Gestaltung und Layout übernehmen.
Was ich in diesem Zusammenhang übrigens immer nicht verstehe: Beherrsche ich keine Programmiersprache, ist die Sache klar – ich kann dann als Nicht-Programmierer eben keine Programmieraufgaben übernehmen. Handelt es sich aber um Design, meint jeder Nicht-Designer ganz selbstverständlich, das könne er so nebenbei miterledigen.
Um es noch einmal klar zu stellen: Grafik Design ist mehr, als Texte und Bilder auf dem Monitor hin und her zu schieben. Es ist – neben einer Menge Erfahrung – das Wissen um Konzeption, Projektplanung, Lesegewohnheiten, Farbwirkungen, Kommunikationstheorien, Mikro- und Makrotypographie, Wahrnehmungspsychologie, Kreativitätstechniken, Dramaturgie, Problemanalyse, Meinungsbildung usw. usf.
Und, was viele offensichtlich immer noch nicht wissen: Grafik Design ist nicht nur Aussehen und damit vordergründige Wirkung, sondern es ist gleichermaßen auch Bedien- und Benutzbarkeit, mithin also nachhaltiger Nutzen.
Der sich, und da gebe ich pbergner Recht, garantiert nicht einstellt, wenn jemand 5 Pixel hohe Schriften als GIF Grafiken auf einer Frame-basierten Website einsetzt.
Aber dieser jemand ist dann mit Sicherheit auch kein Designer.
Siehe auch: Gestaltung zählt.
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Kommentare:
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Dazu kann ich nur sagen: Was man falsch verstehen will, wird man auch falsch verstehen, wenn man es so gekonnt aus dem Zusammenhang reißt. Oder ist es einfach nur zu heiß? ;-)
Ich habe in meinem Beitrag sehr ausdrücklich von klassischen Werbeagenturen (mit Betonung auf Werbung) geschrieben, die ihre strategische Penetrations- und Aufmerksamkeitsdenke von klassischen Passivmedien auf das Web projizieren. Wem nicht klar ist, was ich damit meine, kann sehr gerne mit mir darüber diskutieren. Und in meinem Kommentar schreibe ich ebenso ausdrücklich mit Bezug auf Tibors Kommentar: “Es geht mir nicht nur um allürenbehaftete Grafik-Design-Diven” (mit Betonung auf “nicht”).
Im übrigen hat mein Beitrag so gut wie überhaupt gar nichts mit der von dir angesprochenen Diskussion zu tun. Man muss mich nicht einmal persönlich kennen, um zu wissen, wie sehr ich interdisziplinäre Teamarbeit propagiere. Insofern trifft mich dein Beitrag auch auf einer emotionalen Ebene: Bleibe bitte im Kontext, Michael. Ich würde mich sehr darüber freuen.
michael, grafidesign ist viel mehr als viele anbieter darunter verstehen, in deiner liste fehlen nur 2 dinge: kreativität und lernbereitschaft. ist die gegeben, dann sind begriffe wie “Kommunikationstheorien, Mikro- und Makrotypographie, Wahrnehmungspsychologie, Kreativitätstechniken, Dramaturgie, Problemanalyse, Meinungsbildung” sekundär und dann kann auch ein klassischer grafikdesigner (deren hochnäsigkeit hier und dort zum vorschein tritt, wenn sie mit ihrem diplom winken ;-) gestaltung und usability unter einem hut bringen. ;-)
>Die Herstellung von Websites ist eine interdisziplinäre Aufgabe.
>Und niemand anderes als ein gut ausgebildeter Designer kann in
>diesem Zusammenspiel die Aufgabe von Konzeption, Gestaltung
>und Layout übernehmen.
Interessant. Aber stimmt das so? Es werden seit Jahren Projekte im Netz gemacht, die sind von allen anderen aber nicht von “ausgebildeten Designern” gemacht und trotzdem sind sie um Längen besser, als das, was die Elite in den Agenturen mit einem aufgeblähten Personalapparat zustandegebracht haben. Thomas Wirth http://www.kommdesign.de/ unterhält uns doch seit langer Zeit mit vielen Beispielen und zeigt auf, dass letztendlich das wichtigste Gut die Netzkompentenz ist.
Markus: Ja, es ist sehr heiß (wahrscheinlich lese ich deswegen auch immer Grafik-Design-Oliven statt Diven ;) – aber nichts lag mir ferner, als dich bewusst falsch verstehen. Auch in klassischen Werbeagenturen arbeiten ja Designer bzw. Gestalter, und da du die immerhin nicht nur als »allürenbehaftete Diven« tituliertest, sondern den Werbeagenturen allgemein die Kompetenz für Websiteerstellung absprachst, war mir nicht ganz klar, wer denn nun deiner Meinung nach die Gestaltung von Websites übernehmen sollte.
Aber ich beginne zu ahnen, was du eigentlich meintest (aber nicht expressis verbis sagtest): Du bist der Meinung, dass Websites generell von spezialisierten Agenturen (und die Teilbereiche dort auch wieder von den Spezialisten) gemacht werden sollten – jetzt richtig verstanden?
Ralph: Das Kreativität und Lernbereitschaft Grundvorraussetzungen für gute Gestaltung sind, ist klar. Das reicht aber m.E. nicht aus. Das zeigt mein Beispiel mit der 5 Pixel hohen Schrift als GIF Grafik – eine Zeit lang hatte man das Gefühl, gewisse Webdesigner überbieten sich in der Miniaturisierung der eingesetzten Pixelschrift. Das hat nur leider mit Ergonomie überhaupt nichts zu tun, aber im Grunde kann ich diesen Leuten gar keinen Vorwurf machen – woher sollen sie’s denn besser wissen?
Ich habe mir KommDesign mal auszugsweise angeschaut, und die »mangelhaftes Webdesign« Beispiele dort sehe ich eher als Bestätigung für mein Argument, dass die Erstellung einer guten Website eine fachübergreifende Angelegenheit ist, für die man nicht nur den einen »Webspezialisten«, sondern Spezialisten für jeden einzelnen Bereich braucht. Also Designer, Fotografen, Redakteure, Texter, Illustratoren, Usability Experten etc. Wobei der Designer jetzt nur zufällig an erster Stelle steht ;)
Danke, Michael. Wenn Texte so schnell produziert werden, treten auch schneller Missverständnisse auf. Offenbar auch in diesem Fall ;-) Zumal mein Beitrag mehr eine Art Zeitstempel war; ich schrieb ja, dass da noch was hinterherkommt.
In etwa hast du mich nun richtig verstanden: Ich spreche natürlich nicht Werbeagenturen allgemein die Kompetenz ab. Ich spreche den guten klassischen Werbeagenturen die Kompetenz für Websiteerstellung ab (und genau darum ging es in meinem Beitrag). Ein strategisch denkender Werbetexter redet im Web ziemlich zielsicher an den Menschen vorbei. Ein guter Printgrafiker hat Probleme, seine designerische Welt eins zu eins am Screen umzusetzen. Eine Werbeagentur hat Werbung zu machen, Marken zu branden, Aufmerksamkeit zu erwecken, Gedächtnisse zu penetrieren.
Spezialisten an die Websites – genau so stelle ich mir das vor. Werbeagenturen für die Werbung, Webagenturen für das Web. Und in den Teams sitzen auf das Web spezialisierte Designer wie Texter wie Konzeptioner wie Programmierer. Und Usability-Menschen als koordinierende, konstruktive Schnittstelle, damit auch alles schnell und optimal abläuft. Dadrüber sitzt nur noch der Projektmanager, der Time, Quality und Budget überwacht und “an die Geschäftsführung berichtet”. Klein, schnell, effizient. Eigentlich ganz einfach.
Und um die Diskussionen zusammenzuführen hier noch eine kurze Anknüpfung ans Thema.
Wenn es darum geht, den klassischen Werbeagenturen die Web-Kompetenz abzusprechen, so ist das m. E. immer noch zu allgemein. Sinnvoll in die Zukunft gedacht sollten sich nämlich mittelgroße und große Agenturen in jedem Falle überlegen, eine spezialisierte Web-Abteilung einzurichten, in der dann sowohl Designer, Usability/Accessibility-Experten, als auch Webprogrammierer eng zusammenarbeiten, immer in Absprache mit der Branding- und der klassischen Werbe-Abteilung.
Nur da, wo Print-Designer ein bisschen Web nebenher machen, weil’s ja nicht viel anders ist, trifft Marcus’ Aussage zu.
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