„Es ist zu spät, um Pessimist zu sein“
Vor einiger Zeit wurde in vielen Blogs Yann Arthus-Bertrands bildgewaltiger Film „Home“ gelobt – hauptsächlich wegen der schönen Bilder. Wenige haben erwähnt, dass der Film eigentlich von den großen ökologischen Problemen unserer Zeit erzählt, und dass es mit der Schönheit unseres Heimatplaneten bald vorbei ist, wenn wir nicht allmählich mal anfangen, verantwortungsvoller mit Ressourcen und Umwelt umzugehen.
„Wir alle können etwas ändern – worauf warten wir?“
Als ich „Home“ kürzlich zum ersten Mal vollständig gesehen habe, war auch Paul (12 Jahre) dabei, dessen Laune im Verlauf des Films zunehmend schlechter wurde: „Super, noch ’ne tolle Nachricht …“ Unsere Einwände, dass es noch immer nicht zu spät sei, um den Planeten retten zu können, verbesserte seine Laune nicht wesentlich.
Das hat mich, ehrlich gesagt, ein wenig mitgenommen. Und weil die zentrale Aussage am Ende des Films lautet, dass es zu spät für Pessimismus sei, fange ich für mich persönlich jetzt an mit dem was ändern.
„Alles auf der Erde ist miteinander verbunden“
Allein in den vergangenen drei Jahren hat der einst viertgrößte Binnensee der Erde, der Aralsee, 80% seiner Wasseroberfläche verloren, weil das Wasser seiner Zuflüsse zur Bewässerung von Baumwollplantagen abgeleitet wird (Quelle). Ehemalige Hafenstädte liegen zum Teil über 100 km vom heutigen Ufer entfernt. Es wird erwartet, dass der Aralsee 2020 vollständig ausgetrocknet sein wird.
Der Wasserspiegel des Toten Meeres sinkt jährlich um einen Meter, weil das Wasser der Zuflüsse für Obstplantagen und Ackerflächen abgeleitet wird (Quelle). Einige Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Tote Meer 2050 Geschichte sein wird.
1,1 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Laut WHO sterben jährlich 1,6 Millionen Menschen durch verunreinigtes Trinkwasser (Quelle). Nur 2,5% der weltweiten Wasservorkommen sind Süßwasser, davon bestehen 70% aus Eis in der Arktis/Antarktis und auf Gletschern (Quelle). Durch steigenden Bedarf und Umweltverschmutzung sind die nutzbaren 0,7% der natürlichen Wasservorräte (Seen, Flüsse, Grundwasser) auch dort bedroht, wo sie zur Zeit noch ausreichend vorhanden sind.
Ein Rind ergibt nach dem Schlachten ca. 200 kg Fleisch. Bis zur Schlachtreife hat es 1.300 kg Getreide, 7.200 kg Gräser, Heu und Silage, 24.000 Liter Trinkwasser und 7.000 Liter Frischwasser für die Pflege verbraucht (Quelle). Rechnet man den Wasserverbrauch für die Erzeugung der Futtermittel hinzu, kommt man auf die erschreckende Wasserbilanz von 3.100.000 Litern (in Worten: über drei Millionen Liter), die für die Erzeugung von gerade mal 200 kg Rindfleisch verbraucht werden. Oder bildhaft ausgedrückt: Mit dem Wasserverbrauch für die Erzeugung eines einzigen Kilogramms Rindfleisch kann ein Mensch ein ganzes Jahr lang jeden Tag ausgiebig duschen.
„Werden wir verantwortungsvolle Verbraucher, denken wir darüber nach, was wir einkaufen“
Ich habe nachgedacht. Und deshalb werde ich als erste Maßnahme ab sofort kein Rindfleisch mehr kaufen. Weder als Steak oder Braten beim Schlachter, noch in Form von Rinderfonds, Hamburgern oder Brühwürfeln. Ich werde es (als Steak, nicht als Hamburger) ein wenig vermissen, aber dafür kann ich Paul in die Augen schauen, wenn er mich in zwanzig Jahren womöglich fragt, wie es so weit habe kommen können, obwohl doch alle von den Problemen gewusst haben.
Nachtrag: Auf YouTube steht „Home“ leider nicht mehr in voller Länge zur Verfügung, aber auf Sevenload kann man ihn in HD und deutscher Sprache noch anschauen.
Siehe auch „Noch mal was zu Wasserbilanzen und persönlichem Verzicht (Update)“
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Kommentare:
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Hut ab! Für jemanden der gerne kocht ist das sicher eine schmerzliche Einschränkung.
Ich wage außerdem zu bezweifeln, daß anderes Fleisch in der Bilanz besser dasteht… :-/
Doch, wesentlich besser sogar. Laut Water Footprint Network liegt die Wasserbilanz für 1 kg Hühnerfleisch bei 3.900 Litern und für 1 kg Schweinefleisch bei 4.800 Litern. Zum Vergleich: Rindfleisch hat eine Wasserbilanz von 15.500 Litern/kg.
Deinen Versuch, etwas zu ändern, finde ich super, aber die konkrete Maßnahme ist mir dann doch etwas zu wenig differenziert. Ich habe in diesem Semester an einem Seminar zum Thema Wasser teilgenommen, um meine Kenntnisse darüber zu vertiefen. Eine Erkenntnis daraus ist, dass die landläufig kommunizierten Botschaften Sachverhalte gerne sehr plakativ und vereinfachend darstellen, was ja auch ein probates Mittel ist, um Menschen „wachzurütteln“. Jedoch finde ich die daraus abgeleiteten Maßnahmen teilweise fragwürdig, weil eben gerne wichtige Aspekte dabei außer Acht gelassen werden, die zu kompliziert oder komplex erscheinen. Das Thema ist jedoch leider beides und daher ist es sehr schwierig, die Zusammenhänge verständlich zu machen.
Um auf das Thema Rindfleisch zurückzukommen: Ohne die genannten Zahlen zum Wasserbrauch bei der Fleischproduktion in Frage zu stellen, ist mindestens genauso wichtig, wo das Wasser verbraucht wird (handelt es sich überhaupt um ein Wassermangelgebiet?) und wie das Wasser verbraucht wird. (Wasser verschwindet ja nicht beim „Verbrauch“, sondern wird nur mehr oder weniger stark verschmutzt, was mehr oder weniger aufwändige Reinigung erforderlich macht.)
Es gibt Tabellen über die weltweite Wasserverfügbarkeit pro Einwohner, nach denen Deutschland an der Grenze zum Wassermangel steht. Paradoxerweise leben wir trotzdem im Wasserüberfluss, weil wir als Industrieland durch unsere hohen Stand der Technik sehr wenig Wasser pro Kopf benötigen und auch im Vergleich zu anderen Industrieländern schon jetzt sehr sparsam sind. Es klingt sarkastisch, aber zur Zeit ist es so, dass, wenn wir Deutschen noch viel mehr Wasser sparen, wir uns zunächst einmal unsere Infrastruktur durch mangelnde Auslastung ruinieren, aber keinem Wassermangelgebiet auf der Welt mit prekären Zuständen für die Menschen dadurch geholfen würde. (Zwar würden wir etwas Energie bei der Wasserversorgung sparen, aber die Infrastruktur müsste dafür mit einem Milliardenaufwand und unter hohem Energieeinsatz von Grund auf erneuert werden.)
Verschlimmert man also wirklich die Lage, wenn man z.B. nur Rindfleisch aus Deutschland (und A, CH) konsumiert? Bezieht man noch den Aspekt ein, wie das Wasser (oder Ressourcen allgemein) bei der Herstellung verbraucht werden, könnte man außerdem darauf achten, dass das Rindfleisch aus einer Herstellung kommt, bei der besonders nachhaltig mit Rohstoffen umgegangen wird. Ein Biobetrieb, der das Futter komplett selbst herstellt, anstatt billigen Genmais aus Übersee zu importieren, ist da vielleicht doch gar nicht so schlecht in seiner Ökobilanz.
Es ist die Zeit, etwas zu tun. Vorgeschlagene Maßnahmen sollten m.E. jedoch keine Züge von Selbstkasteiung haben (da macht dann eh keiner mit, das hatten wir schon), sondern in eine positive Richtung gehen, nach dem Motto: Verzichte nicht auf den Kühlschrank, aber stell auf Ökostrom um und fühl dich gut dabei!
Auch muss man hellhörig werden, wenn etwas sehr stark vereinfacht wird, wenn plötzlich angeblich die Lösung für irgendein Problem gefunden wurde. Erinnert sich noch jemand an den Biosprit-Hype? Und an die Katerstimmung, als klar wurde, dass schon Urwälder dran glauben mussten, um dort angeblichen „Biosprit“ herzustellen?
Ich erwarte nicht, dass die Deutschen aufhören, Rindfleisch zu essen, habe aber die Hoffnung, dass sich nach und nach immer mehr Menschen bewusst für nachhaltigere Produkte entscheiden werden, sofern man ihnen Denkanstöße gibt, die differenziert sind und die ihnen das Gefühl geben, dass man ihnen eigenes Nachdenken und eine eigenverantwortliche Entscheidung zutraut.
Ich habe großen Respekt vor Entscheidungen, auf etwas zu Verzichten, denke aber, dass z.B. eine bewusste Entscheidung für ein Bio-Steak aus Deutschland statt aus Argentinien auch keine schlechte Idee ist.
Roman, vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar.
Ich erwarte von niemandem, dass er kein Rindfleisch mehr isst, das ist meine ganz persönliche Entscheidung.
Aber ich erwarte von jedem einigermaßen intelligenten Menschen, dass er sich mit mit solchen Themen wie Klimawandel, CO2-Bilanz, nachhaltige Energieversorgung, Ressourcenschonung etc. auseinandersetzt. Niemand kann heutzutage mehr behaupten, die Menschheit könne gedankenlos so weiter machen wie bisher.
Und ich erwarte, dass jeder seine persönlichen Konsequenzen zieht – welche, soll jedem selbst überlassen sein, Hauptsache, er zieht überhaupt welche. Wenn jemand jeden Tag ein Steak essen möchte, bitteschön. Vielleicht verzichtet er stattdessen auf den zweiten Touareg, das wäre ja auch schon was.
Die Menschheit ist keine amorphe Masse, sie besteht aus denkenden und handelnden Individuen. Von denen kann und muss jedes einzelne etwas dazu beitragen, das, was von der Erde noch übrig geblieben ist, zu erhalten. Damit unsere Kinder auch noch was von der Schönheit unseres Planeten erleben können.
Ich für mein Teil kaufe sämtliche frischen Produkte wie Obst, Gemüse oder Fleisch bei lokalen Erzeugern auf dem Wochenmarkt. Im Supermarkt vermeide ich es, solche Sachen wie neuseeländisches Lammfleisch, irische Butter oder italienisches Mineralwasser zu kaufen (auch wenn letzteres vermutlich aus einer deutschen Quelle stammt und in Deutschland abgefüllt wurde) – nach dem Motto: „Global denken, lokal essen.“ Und ich kaufe ab sofort kein Rindfleisch mehr.
Für mich ist das kein Verzicht (genau so wenig wie ein Vegetarier auf Fleisch „verzichtet“), sondern eine bewusste Entscheidung, die mir das gute Gefühl gibt, die Welt jeden Tag ein winziges kleines bisschen zu verändern.
Hallo Michael,
passend zu deinem „Eintrag“:
http://zelos.zeit.de/bilder/2009/26/wissen/wasserverbrauch.pdf
Gruss
Kai
Vielleicht halbwegs passend zwei Vorschläge zum schmökern:
Die Eroberung der Natur beschäftigt sich mit der (vergangenen) Veränderung der Landschaft in Deutschland, überwiegend wasserbaulicher »Natur«.
Und »Warten auf die Aras«, zu dem ich nicht viel sagen kann, da noch auf den ersten Seiten. Auch nicht ganz passend, aber persönlich erinnert es mich ein wenig das ganz andere, nicht minder feine »Last chance to see«.
Erstes u. letzeres gibt es sicherlich auch im kleinen wie geschätzten Buchladen im Viertel.
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