Benford
Nehmen wir an, Sie würden die Bytegröße jeder einzelnen Datei ihres Startlaufwerks auf diverse Zettel notieren. Das wären dann so Zahlen wie
| 56.722 | 1.392.887 | 352.580 | 35.573.206 |
| 3.018.403 | 6.196.500 | 2.053 | 91.588 |
| 948.781 | 159.367 | 13.766 | 5.249 |
| 717.084 | 8.100.292 | 33.863 | 185.857 |
| 3.028 | 7.748.228 | 603.535 | 423.740 |
– und davon ganz, ganz viele. Wenn Sie nun von allen aufgeschriebenen Zahlen nur die Anfangsziffer betrachteten: Wieviel Prozent der aufgeschriebenen Zahlen würde wohl mit der Ziffer 1 beginnen, wieviel mit der Ziffer 2, der Ziffer 3 usw.?
Nach dem gesunden Menschenverstand sollte man meinen, dass die Verteilung, mit geringen Abweichungen, einigermaßen gleichmäßig ist, dass also jede der Ziffern von 1 bis 9 jeweils bei ungefähr 11,1% der Zahlen als Anfangsziffer vorkommt.
Selbstversuch
Dem ist nicht so – noch nicht einmal annähernd. Probieren Sie es aus: Speichern Sie das Script von Rich Morin, das nichts anderes macht, als die führenden Ziffern aller Dateigrößenangaben Ihres Startlaufwerks zu sammeln und auszuwerten, mit einem Texteditor unter dem Namen fdf in Ihren Dokumente-Ordner (falls Sie sich ein eigenes bin-Verzeichnis angelegt haben, können Sie es natürlich auch dorthin speichern – aber dann muss ich Ihnen wahrscheinlich ohnehin nicht sagen, was Sie tun müssen).
Öffnen Sie das Terminal*, tippen Sie cd ~/Dokumente und drücken Sie anschließend die Returntaste. Mit chmod u+x fdf und Returntaste machen Sie das Script ausführbar. Nun können Sie es mit sudo fdf, Returntaste und anschließender Eingabe Ihres Administratorpassworts aufrufen.
Nach einiger Zeit, in der das Script die Anfangsziffern sammelt und auswertet, erhalten Sie das Ergebnis. Jede Wette, dass es ungefähr so aussieht wie dieses von meinem Startlaufwerk, auf dem sich 835.980 Dateien befinden?

In der ersten Spalte der Tabelle (d) steht die untersuchte Anfangsziffer, in der zweiten (pred) die nach Benford’s Law vorausgesagte und in der dritten (data) die tatsächliche Häufigkeit des Auftretens als erste Ziffer bei allen untersuchten Zahlen in Prozentwerten. In der vierten Spalte wird die ganze Sache mittels Ascii-Diagramm noch ein wenig anschaulicher gemacht. Die 1 tritt als Anfangsziffer bei den Dateigrößen auf meiner Start-Festplatte also ungefähr zehn Mal häufiger auf als die 9. Erstaunlich, oder?
Buchhaltungsfrisierer aufgepasst!
Warum bei beliebigen Zahlenmengen (z. B. den Einwohnerzahlen deutscher Städte, den Längen aller Flüsse der Welt, den Rebenertragsmengen der deutschen Weinstraße des Jahres 2004 – oder eben den Dateigrößen Ihres Startlaufwerks) die Anfangsziffern-Häufigkeit mit ansteigendem Ziffernwert abnimmt, weiß man noch nicht genau. Es gibt aber mittlerweile Buchhaltungsprüfprogramme, die sich genau diese Eigenschaft der Verteilungshäufigkeit zu nutze machen. Trägt jemand nämlich frei erfundene Zahlen ein, wird er Benford’s Law mit ziemlicher Sicherheit nicht beachten (noch nicht, muss man wohl sagen). Man muss also nur nach Abweichungen von der natürlichen Häufigkeitsverteilung suchen und kommt dadurch Fälschern sehr leicht auf die Spur. (Siehe auch Ziffernanalyse in der Fälschungsaufspürung, PDF-Datei)
Doppelentdeckung
Der Physiker Frank Benford hat diese ungleichmäßige Anfangsziffern-Verteilung 1938 publiziert, nachdem ihm aufgefallen war, dass in seinen Logarithmentafeln die vorderen Seiten, dort wo die Zahlen mit niedriger Anfangsziffer stehen, viel abgegriffener waren als die hinteren. Er stellte daraufhin die These auf, dass es auf der Welt mehr Zahlen mit niedriger als mit hoher Anfangsziffer gibt. Allerdings war ihm nur etwas aufgefallen, was vom Mathematiker Simon Newcomb bereits viel früher entdeckt und schon im Jahr 1881 publiziert wurde – aber gleich darauf wieder in Vergessenheit geriet. Um Newcombs Anteil an dieser Entdeckung zu würdigen, spricht man deshalb seit einiger Zeit auch vom Newcomb-Benford’s Law.
*) Bitte benutzen Sie das Terminal und das oben verlinkte Script nur, wenn Sie Unix-Grundkenntnisse haben und wissen, was Sie tun. Für Fehlbedienungen Ihrerseits und eventuell daraus entstehende Datenverluste übernehme ich keinerlei Verantwortung oder gar Haftung.
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Kommentare:
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Sehr interessant!
Ich kann mir aber schlicht nicht vorstellen, wieso das so sein sollte; selbstverständlich glaube ich es Ihnen aber. Klar kann es sein, dass es in einem Fall keine gleichmässige Verteilung gibt, aber dass es fast wie ein Naturgesetz ist, dass geringere Zahlen häufiger vorkommen ist schon seltsam.
Bei mir ist es sogar noch extremer:
1 (30.1): 33.4 *********************************
2 (17.6): 19.7 ********************
3 (12.5): 13.1 *************
4 ( 9.7): 8.8 *********
5 ( 7.9): 6.3 ******
6 ( 6.7): 6.5 ******
7 ( 5.8): 5.0 *****
8 ( 5.1): 4.1 ****
9 ( 4.6): 3.2 ***
Wirklich interessant und mysteriös… Wie kommt man auf sowas?
Hallo
Ich hatte das Thema vor einiger Zeit im Mathematikunterricht im Rahmen der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ich war damals auch sehr erstaunt, davon zu hören, aber es gibt eine Erklärung für das Benford-Gesetz.
Zitat aus meinem Mathematikbuch:
Benford erklärt das Phänomen so, dass alle natürlichen Prozesse Exponentialprozesse sind. Wenn z. B. eine Grösse auf 100 angewachsen ist, dann muss sie um 100% wachsen, bevor sich die erste Ziffer von 1 zu 2 ändert, dann um 50% , bevor die erste Ziffer zur 3 wechselt usw., allgemein muss die Zahl um 1/k wachsen, damit die 1. Ziffer von k-1 zu k steigt.
Aus Leistungskurstochastik – Heinz Klaus Strick – 2003
Ich hoffe das hilft weiter.
Grüsse
Unbreakable
...aber sind Dateigrössen auf einem Startlaufwerk natürliche Prozesse?
Das habe ich mich auch gefragt. Ich kann die Erklärung für Wachstumsprozesse, also z. B. Einwohnerzahlen deutscher Städte, durchaus nachvollziehen (wobei Benford’s Law ausgerechnet da nicht zutrifft ;-) – aber für Dateigrößen?
Auch diese Erklärung von Quarks & Co ist imo nicht so ganz befriedigend:
Die prozentuale Verteilung der ersten Ziffern ist natürlich auch vom Zahlenbereich abhängig, aus dem die Zahlen stammen. Betrachtet man alle Zahlen von 1 bis 9, dann kommt jede Ziffer gleich häufig vor – nämlich zu je einem Neuntel (11,1%). Bei den Zahlen von 1 bis 19 sieht die Sache schon anders aus: Die „1“ hat die Vorherrschaft übernommen: Sie kommt elf Mal vor; das sind 57,9%. Anders ist es bei den Zahlen von 1 bis 99: Hier sind es zwar ebenfalls elf Zahlen, die mit der „1“ beginnen – prozentual sind es aber nun wiederum nur 11,1%. Führt man diese Berechnungen fort, erhält man immer wieder ähnliche Wahrscheinlichkeitsverteilungen: Bei 1-1999 sind es 55,6% und bei 1-9999 hingegen wieder 11,1%. Wenn man diese beiden Extremwerte mittelt, kommt man für die Ziffer „1“ auf eine Wahrscheinlichkeit von etwa 33%.
Wenden wir diese Argumentation mal auf die Ziffer 2 an: Bei 1-2999 ist die 2 in 36,7% aller Fälle als Anfangsziffer vertreten, bei 1-9999 sind es 11,1%. Mittelt man die beiden Werte nach obigem Beispiel, erhält man 23,9%. Nach Benford’s Law dürfte sie aber nur in 17,% aller Fälle vorkommen. Außerdem: Wer verbietet mir denn, die Zahlenbereiche 2000-2999 und 1-9999 gegenüberzustellen? Da hätte ich eine theoretische, gemittelte Anfangshäufigkeit von 55,55% für die 2.
Ich habe noch einen Artikel aus der Zeit gefunden, aus dem das folgende Zitat stammt:
Wie lässt sich Benfords Gesetz einordnen? Welche Daten folgen der Logarithmusformel, welche nicht? Lange Zeit stocherten die Zahlenforscher im Nebel. Das alles schien obskur, eine Laune der Natur, die sich dem mathematischen Verständnis entzog. Seriös wurde die Sache erst, als Roger Pinkham von der Rutgers University in New Brunswick zeigen konnte, dass Benfords Gesetz sogar universelle Gültigkeit besitzt. Er demonstrierte das am Beispiel der geografischen Fläche verschiedener Flüsse, die alle der Benfordschen Regel gehorchen, und zwar egal, ob man die Fläche nun in Quadratkilometern, Hektar, Morgen oder Ruten bemisst; selbst das fiktive Flächenmaß Zinkolis vom Planeten Zob, erläuterte Pinkham, führe zum selben Ergebnis. Zwar würden sich die einzelnen Ziffern bei der Umrechnung ändern, doch an der Gesamtverteilung ändere das nichts sie ist, wie der Mathematiker sagen würde, skaleninvariant. Benfords Gesetz ist, wie Pinkham außerdem bewies, zugleich das einzig mögliche Gesetz über Ziffernhäufigkeiten, das diese Bedingung erfüllt.
Aber richtig erklärt wird’s da auch nicht …
Jetzt fällt es mir wieder ein, ich habe am Anfang des Jahres im NZZ Folio (übrigens sehr lesens- und sehenswert) einen Artikel über Benford’s Law gelesen. Der Artikel ist im Online-Archiv abrufbar und hat eine sehr schöne PDF-Grafik mit verschiedenen Statistiken. Hier der Link:
Artikel im NZZ Folio
tut mir leid, aber ich finde das ganz logisch und hätte das auch genau so vermutet. Die Erklärung von Unbreakable sollte doch eigentlich ausreichen, oder?
Ich kanns nichtwirklich erklären und hab mehr so ein Gefühl – was ein dummes Argument ist, wenn man Theologe ist. Aber versuchen Sie das doch mal mit der jeweils letzten Ziffer (da könnte ichs mir eventuell noch vorstellen, glaube es aber nicht wirklich), oder mit der jeweils zweiten Ziffer aller Zahlen, die eine identische Anfangsziffer haben.
Bei Dateigrößen find ichs relativ logisch. Denn kleine Dateien (und wir nehmen ja gerade den Dokumente-Ordner, also mehr oder minder Menschen-verfasstes) sind sowieso häufiger. Bei denen über 100 MB gibts aber ja tsatächlich erstmal mehr mit ner 1 vorne als bei denen drunter, usw…
Ist nur ein Instinktansatz. Aber ich frag im Januar mal ne Fachfrau =)
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