Bücher | Mittwoch, 18. August 2004
Es gibt Bücher, die einen nach den ersten zehn Seiten vergessen lassen, dass man mitten im Forum Steglitz steht und eigentlich auf eine Freundin wartet, die „nur mal kurz“ zu H&M wollte. Und es einen schließlich schade finden lassen, dass sie dreißig Seiten später schon wieder zurück ist.
Brady Udalls Das wundersame Leben des Edgar Mint gehört zu diesen seltenen Büchern, die man nicht mehr weglegen möchte, die man erst verschlingt, dann aber, je mehr es dem Schluss zugeht, umso langsamer liest, weil man sie nicht mehr missen möchte.
Dürfte ich nur eine einzige Begebenheit aus meinem Leben erzählen, wählte ich diese: Ich war sieben Jahre alt, als der Postbote meinen Kopf überfuhr. Kein Erlebnis hat mich so geprägt wie dieses. Mein chaotisches, zielloses Leben, mein versehrtes Gehirn und mein Glaube an Gott, meine Zusammenstöße mit Freud und Leid – alles entspringt auf die eine oder andere Art jenem Augenblick an einem Sommermorgen, als der linke Hinterreifen eines US-Mail-Jeeps meinen kleinen Kopf in den heißen Kies des Apachen-Reservates von San Carlos malmte.
Für mich ist das zentrale Thema dieses Buches Freundschaft, und da dies eines der schönsten Bücher ist, die je über Freundschaft geschrieben wurden, kann es nur die Höchstwertung geben: 
Bücher | Montag, 19. April 2004
Der Magistrat einer Siedlung fällt bei der Staatspolizei in Ungnade, weil er angeblich mit dem (vermeintlichen) Feind kollaboriert. Coetzee beschreibt, wie durch das permanente Erzeugen von Angst vor einer nicht existenten Bedrohung diese Bedrohung in den Köpfen der Siedlungsbewohner immer realer wird wird und die Gemeinschaft schließlich auseinanderbricht.
Dass ich heute ein wenig übermüdet bin, liegt daran, dass ich gestern abend J. M. Coetzees „Warten auf die Barbaren“ angefangen habe und es nicht mehr weglegen konnte – es musste durchgelesen werden.
Meines Erachtens sollte dieses Buch Pflichtlektüre für jeden Staatsmann und jeden Politiker werden, wobei zu befürchten steht, dass ausgerechnet die es nicht verstehen wollen bzw. können.
Lesen! 
Bücher | Montag, 29. März 2004
Ganz schnell, zackzack, ohne groß Amazon-Links zu setzen (da klickt ohnehin niemand drauf) hier ein paar der letzten Bücher, die ich gelesen habe:
T. C. Boyle
Ein Freund der Erde
Entweder haben sich meine Vorlieben geändert, oder Boyle ist wirklich schwächer geworden. „Wassermusik“ war ein grandioses Buch und hat einen festen Platz in meiner 50-Bücher-für-die-Insel-Liste, aber danach ging’s stetig bergab. „World’s End“ und „Grün ist die Hoffnung“ waren noch recht kurzweilig zu lesen, „Willkommen in Wellville“ (hier ist der Film bereits besser als das Buch) war schon sehr langatmig und „Riven Rock“ und „Ein Freund der Erde“ sind im Vergleich schlichtweg langweilig.
Nick Hornby
How To Be Good
Wer glücklich verheiratet ist und ein wenig Abwechslung sucht, weil er soviel Glück auf Dauer nicht ertragen kann, sollte vielleicht mal dieses Buch lesen. Danach dann aber bitte nicht meckern, dass doch sowieso alles irgendwie keinen Sinn habe. Will sagen: Was das Buch nun soll oder will mit seiner fatalistischen „Letztendlich ist es am besten, man fügt sich“-Haltung, weiß ich nicht, aber immerhin ist es stellenweise ganz angenehm zu lesen.
Walter Moers
Wilde Reise durch die Nacht
Je nun – „Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär“ ist unbestritten ein köstliches Buch, was man von „Wilde Reise…“ leider überhaupt nicht sagen kann. Die Idee, rund um vorhandene Illustrationen von Gustave Doré eine Geschichte zu schreiben, ist ganz nett – aber zu mehr als „Hmhm, ist ganz nett“ reicht es bedauerlicherweise nicht.
Paul Auster
Das Buch der Illusionen
Mag ich sehr. Bei Paul Auster spüre ich die Einsamkeit Vermonts und die Hitze New Mexicos. Und ich bin sicher, auch ich hätte mich in Alma verliebt. Dieses Buch ist völlig anders als „How To Be Good“ – hier erstarkt der Protagonist im Verlauf der Geschichte, anstatt wie bei Hornby in sich zusammen zu sinken.
Katherine Scholes
Sams Wal
Ein Kinderbuch, das auch Erwachsene mögen – die Geschichte eines Jungen, der einen gestrandeten Wal rettet. Auf der Rückseite steht zwar „Eine Tiergeschichte ab 9“, aber man kann es durchaus auch 7-jährigen schon vorlesen:
Mein Wal, dachte er. Mein Wal. Mein Wal.
Ich werde dir helfen, dachte der Junge. Dass du zurückkommst ins Meer. Dass du die anderen Wale wieder findest. Dass du wieder zwischen den versunkenen Schiffen umherschwimmen kannst, da unten, wo die riesigen Kraken sind. Mein Wal.
Bücher | Donnerstag, 27. November 2003
J. M. Coetzees „Schande“ war mein erstes Buch seit einigen Wochen, das ausnahmsweise mal wieder in der Jetzt-Zeit spielte – wahrscheinlich auch deswegen hatte ich es innerhalb weniger Stunden verschlungen.
Ich kenne Coetzee erst, seitdem er den Literaturnobelpreis gewann, aber anders als weiland bei Marquez, den ich vorher auch nicht kannte, dessen „100 Jahr Einsamkeit“ ich aber nach 200 Seiten wegen unerträglicher Langeweile weglegen musste, bin ich bei Coetzee hoch erfreut über diese persönliche Neuentdeckung.
„Schande“ ist ein ziemlich merkwürdiges Buch. Ich konnte nicht aufhören, es zu lesen, aber nachdem ich es durch hatte, blieb eigentlich nichts übrig – keine Freude, keine Trauer, keine Wut – trotzdem denke ich noch häufig daran zurück.
Aber vielleicht ist es ja gerade diese letztendliche Überwindung von Emotion, die mich an der Geschichte so fasziniert hat.
Wertung: fünf Kochmützen. 
Bücher | Samstag, 8. November 2003
Heute morgen übergab mir der DHL Bote ein Päckchen mit den Worten:
„Hier ist Ihr Harry Potter.“
Woher er das wisse, stünde ja gar nicht drauf?
„Ick habe den janzen Wagen voll mit diesen Amazon Päckchen. Und ick fahre seit heute früh durch die Jejend und werde sicher vor heute abend nicht zuhause sein – wenn dit also nicht der Harry Potter ist, fress ick’n Besen.“
Na, das sei dann ja aber wirklich schnell gegangen mit dem Versand und der Auslieferung.
„Jeschlafen hat heut nacht keener. Aber dit war beim Erscheinen der englischen Ausjabe schon jenauso: janzen Tag nur Bücher ausliefern.“
Phänomenal.
Jetzt habe ich hier also den neuen 1021-Seiten-Potter und ein freies Wochenende – aber ich schwanke noch, ob ich J. M. Coetzees „Schande“, das ich, weil ich in T. C. Boyles „Riven Rock“ nicht richtig reinkam, gestern anfing und erst halb durch habe, für Harry Potter tatsächlich jetzt erst mal beiseite legen soll…
(Bei faz.net gibt’s übrigens einen Artikel darüber, welchen Einfluss Übersetzer und Illustratorin auf die Akzeptanz in der deutschen Potter-Fangemeinde hatten und haben.)
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Bücher | Donnerstag, 9. Oktober 2003
Das unten abgebildete Symbol findet man auf der sogenannten Befehls-Taste einer Apple Tastatur. Wie das Zeichen aber eigentlich heißt, weiß man nicht – manche sprechen deswegen auch von der Blumenkohl-Taste, manche von der Propeller-Taste. Alles falsch:
Aus dem »Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen und Phänomene Zamoniens und Umgebung« von Prof. Dr. Abdul Nachtigaller
Tornado, der Ewige [Forts.]: Der Perpetuum-mobile-Tornado ist ein Wetterphänomen, das sich aufgrund superstabiler atmosphärischer und temperationeller Bedingungen immer wieder erneuern und damit in die sogenannte Doppelte Abdulsche Tornadobrezel [nach Prof. Dr. Abdul Nachtigaller, dem berühmten Hobby-Tornadologen] eintreten kann. Dadurch bewegt sich der Tornado immer in der gleichen Bahn, einer Schleife in Form einer doppelten Brezel von einem Durchmesser von etwa zweitausend Kilometern.
Damit ist das Rätsel um den richtigen Namen der Blumenkohl-Taste endlich gelöst, sie heißt: Doppelte Abdulsche Tornadobrezel-Taste.
Walter Moers’ Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär, aus dem obige Illustration und das Zitat stammen, ist ein köstliches Buch. Ich bin es eigentlich gewohnt, dass man sich bei 700 Seiten starken Büchern erst mal durch die ersten 100-200 Seiten quälen muss, bevor es losgeht. Hier nicht. Gleich von der ersten Seite an ist man genervt, wenn das Telefon klingelt oder das Teewasser kocht – man mag das Buch nicht mehr weglegen.
Für fünf hat es nicht ganz gereicht – und halbe habe ich nicht – deswegen gibt’s von mir gute vier Kochmützen.
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