Fremd-Kapitälchen
Was Web-Typographie betrifft, gibt es in meinen Augen kaum etwas hässlicheres als falsche Kapitälchen, die man in letzter Zeit immer häufiger u. a. in Wordpress-Blogs sehen muss – wahrscheinlich haben die Template-Designer font-variant:small-caps entdeckt.
Was sind eigentlich Kapitälchen?
Das sind Großbuchstaben (Majuskeln), deren Höhe ungefähr der Mittellänge (x-Höhe) von Kleinbuchstaben (Minuskeln) entspricht. Bei einem echten Kapitälchenschnitt, der aus den normalen Großbuchstaben der Grundschrift und kleineren Großbuchstaben anstelle der Kleinbuchstaben besteht, handelt es sich um einen Auszeichnungsschnitt, der in Proportion und Anmutung auf den Grundschnitt abgestimmt ist und deshalb u. a. den Grauwert eines Fließtextes nicht verändert.
Heutzutage verwendet man für Textauszeichnungen hauptsächlich den kursiven Schnitt der jeweiligen Familie, für Namen oder Kapitelanfänge kann – wenn vorhanden – aber auch ein Kapitälchenschnitt verwendet werden; wobei hier die Betonung deutlich auf „wenn vorhanden“ liegt.
Mit anderen Worten: Besitzt eine Schrift keinen Kapitälchenschnitt, bastelt man auch keinen selbst, es sei denn natürlich, man will man sich mit aller Vehemenz als typographischer Schludrian offenbaren.
Aber warum denn nicht?
Sehen Sie sich dieses Beispiel an – die obere Zeile ist mit Großbuchstaben und Kapitälchen aus der FF Scala Sans Caps, einem dedizierten Kapitälchenschnitt gesetzt, die untere aus der FF Scala Sans, gezwungenermaßen ausschließlich mit Großbuchstaben, die dann teilweise auf ca. 72% verkleinert wurden, um die gleiche Höhe wie die der echten Kapitälchen zu erhalten.

Zwei Dinge fallen sofort ins Auge: Die unterschiedlichen Laufweiten der beiden Zeilen und der deutliche Strichstärkenunterschied in der zweiten Zeile mit den falschen Kapitälchen. Und wenn man genauer hinsieht, erkennt man auch noch Unterschiede im Schriftbild, genauer gesagt in den Proportionen, beispielsweise beim „O“ oder beim „A“ – Kapitälchen werden meistens etwas breiter konstruiert
Der Schriftgestalter (in diesem Fall: Martin Majoor) hat den Kapitälchenschnitt (der, wie erwähnt, für Schriftauszeichnungen gedacht ist) also mit Sorgfalt so gezeichnet, dass er sich harmonisch in einen Text aus der Grundschrift dieser Familie einfügt – was man von den nachgebastelten Kapitälchen wohl kaum behaupten kann.
So, wie man keinen Kursivschnitt durch elektronisches Schrägstellen bzw. Scheren einer Schrift erzeugen kann, kann man eben auch keinen Kapitälchenschnitt durch Verkleinern oder Vergrößern von Großbuchstaben erzeugen.
Tipps für Fließtext
Werden Sie mit vorgehaltener Pistole zur Verwendung falscher Kapitälchen in einem HTML-Dokument gezwungen, nehmen Sie niemals, ich wiederhole: niemals font-variant:small-caps, sondern verringern Sie die Größe der Kapitälchen per Hand, aber nicht mehr als auf 85-90%. Unter Umständen können Sie zusätzlich leicht die Laufweite erhöhen, wobei bei kleineren Schriftgraden die minimal mögliche Erhöhung von 1px oftmals schon zu groß ist.
Also niemals so:
Kapitälchen in Bildschirm-Fließtext und so weiter.font-variant:small-caps
Und so auch nicht:
Kapitälchen in Bildschirm-Fließtext und so weiter.font-size:70%
Sondern so:
Kapitälchen in Bildschirm-Fließtext und so weiter.font-size:88%
Oder so:
Kapitälchen in Bildschirm-Fließtext und so weiter.font-size:88% letter-spacing:1px
Tipps für Überschriften
In Überschriften vergrößern Sie die Anfangsbuchstaben per Hand auf höchstens 110-115%, damit die hässlichen Strichstärkenunterschiede nicht gar so schlimm ins Auge fallen, und dazu erhöhen Sie leicht die Laufweite.
Also nicht so:
Eine Headline
font-size:145%
Sondern so:
Eine Headline
font-size:115% letter-spacing:2px
Das gleiche gilt natürlich besonders auch für gedruckte Texte, dort fällt schlechte Mikrotypographie naturgemäß (Stichworte: Auflösung, Antialiasing, Schärfe etc.) noch deutlicher auf als bei Bildschirmtexten.
Und wenn Ihnen das alles zu viel Arbeit sein sollte, sei Ihnen gesagt, dass gute Typographie immer auch Handarbeit ist. Die trennt eben, wie der Engländer so schön sagt, die Männer von den Jungs.
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Kommentare:
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MEINE REDE!! SEIT JAHREN!
Leider gibt es gegen die Horde von „Warum denn, mir gefällt es so“-Webdesignern kein wirksames Mittel. Argumentativ ist denen jedenfalls nicht beizukommen. Schließlich kann ja jeder machen, was er will.
Wenn mich nicht alles täuscht, kann font-variant: small-caps noch immer gar nicht bzw. kaum benutzt werden, da noch die wenigsten Webschriften echte Kapitälchen anbieten.
Wäre dies jedoch der Fall, wäre font-variant: small-caps selbstverständlich allen anderen Methoden unbedingt vorzuziehen, da selbst „IT-typographisch“ angemessener als eine höchstens „interessante“ Zwangsverkleinerung um 12 % mitsamt pixelbasierter Kerningänderung (gleichzusetzen mit wahlweise keinen, falschen oder Pseudo-Kapitälchen). Streng typographisch gesehen benutzt man derzeit online vielleicht lieber gar keine Kapitälchen.
Mit Dank für den ehemaligen Typographie-A*schtritt.
Nun auch noch an der Quelle mein Senf, den ich schon im fontblog zum besten gegeben habe:
http://i26.tinypic.com/mcbvaa.jpg
Und so auch nicht ”º… FLIEßTEXT …”¹
sondern bitte ”º… FLIESSTEXT …”¹, denn noch hat mein Zeichensatz kein Versal-SZ, kommt aber vielleicht mit dem nächsten Betriebssystem-Update.
@ Anonym: Was soll mir der Screenshot sagen? Dass es auch im Jahre 10 nach Einführung von CSS 2 immer noch Browser gibt, die simpelste CSS-Anweisungen nicht rendern können?
Bevor ich den Beitrag veröffentlicht habe, habe ich – man kann ja nie wissen – die extrem anspruchslosen spans selbstverständlich in allen mir zur Verfügung stehenden Browsern getestet. Als da wären: Safari 3, Opera 9, Firefox 2 und 3, IE 6 und 7. Damit wären ca. 99,9% aller gängigen Browser abgedeckt. Und in jedem einzelnen dieser Browser wurden die Kapitälchen richtig dargestellt.
Und noch mal ganz allgemein zur Klarstellung: Der obige Blogeintrag ist keine Aufforderung zur Verwendung von Kapitälchen – ganz im Gegenteil!
Es ist aber niemand vor einem Kunden gefeit, der – warum auch immer – auf der Verwendung von Kapitälchen besteht. Und dann sollte man sie eben so einsetzen, dass minimalste typographische Qualitätsstandards nicht unterschritten werden.
Dass es Webdesigner gibt, die darauf bestehen, CSS gehöre nicht in ein HTML-Dokument (siehe Fontblog-Kommentare), war mir schon beim Schreiben klar. Für mich persönlich zählt aber in allererster Linie das typographisch korrekte Ergebnis, nicht irgendwelche ungeschriebenen Gesetze irgendwelcher Semantik-Pedanten.
Die Beispiele sind zu klein um ein Unterschied erkennen zu können. Bei mir, ohne Cleartype, sehen die Kapitälchen von der Strichstärke her, gleich aus.
@Michael Preidel:
> Was soll mir der Screenshot sagen?
Der Screenshot soll dir sagen, dass das von dir
intendierte Erscheinungsbild mithilfe von „small-caps“ erreicht werden kann und mit
„font-size“ eben nicht immer.
Der Screenshot wurde übrigens mit dem aktuellen Firefox 2 erzeugt, bei dem eine minimale Schrift-
größe gesetzt wurde.
> auf der Verwendung von Kapitälchen besteht.
> Und dann sollte man sie eben so einsetzen,
> dass minimalste typographische
> Qualitätsstandards nicht unterschritten werden.
Ich persönlich finde die vom Browser gerenderten
Kapitälchen ansprechend. Wenn der Kunde ähn-
liche Einstellungen auf seinem System gemacht
hat, mögen zwar die „typografischen Qualitäts-
standards“ erfüllt sein, nur sind leider keine Kapi-
tälchen zu erkennen …
Für mich persönlich zählt aber in allererster Linie das typographisch korrekte Ergebnis, nicht irgendwelche ungeschriebenen Gesetze irgendwelcher Semantik-Pedanten.
Lustig, diese Pedanten. :D
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