NO
Ist sterben in New Orleans anders als in Phuket? Irgendwie unedler? Oder notwendiger? Muss man da überhaupt Unterschiede machen? Sind Menschen nicht Menschen?
Ich habe in den letzten Tagen viele Kommentare zur aktuellen Situation in Louisiana gelesen, deren Tenor war, dass die USA doch erstmal ihre Truppen aus dem Irak nach Hause holen sollen, bevor man persönlich vielleicht auch mal über Mitleid nachdenken könne.
Was für ein Bullshit! Natürlich haben die USA im Irak nichts verloren, aber was hat das mit den Menschen zu tun, die seit sechs Tagen im wahrsten Sinne des Wortes hilflos in einem Katastrophengebiet ausharren müssen? Ohne Zuhause, Wasser, Nahrung und medizinische Unterstützung? Von Krankheiten bedroht, von Mosquitos aufgefressen und, wenn man den Schilderungen Ortsansässiger glauben darf, terrorisiert von vergewaltigenden und plündernden Banden?
Nichts. Gar nichts. Überhaupt nichts. Und wer meint, er müsse aus – falsch verstandenem – Pazifismus klammheimliche Schadenfreude empfinden oder gar äußern, dem sei gesagt, dass er sie nicht mehr alle hat. Und herzamputiert ist. So einfach ist das.
Update
Ich lese Spiegel Online nicht sehr häufig, an anderer Stelle habe ich auch mal beschrieben, warum. Hätte ich allerdings rechtzeitig diesen unsäglichen Artikel „Bashing statt Spenden“ von Claus Christian Malzahn gelesen, in dem er in journalistisch ebenso viertklassiger wie unverantwortlicher Art und Weise mit der Wahrheit jongliert und in einer jedem Stammtisch zur Ehre gereichenden Bildzeitungsmanier Stimmung gegen die Regierung, die Grünen und insbesondere Trittin macht (siehe auch Who cares about the Flut-Opfers?), hätte ich meinen obigen Eintrag sicher unmissverständlicher formuliert.
Ich wollte nämlich keinesfalls mit einstimmen in den Neocon-Chor der kritiklosen USA- bzw. Bush-Freunde, die sich darüber aufregen, dass man es angesichts der Auswirkungen des Hurrikans wagen könne, über Kyoto zu sprechen.
Ich fand nur diese gleichsam reflexhafte „Wie, die Opfer sind Amerikaner? Na, dann trifft’s ja endlich mal die richtigen!“-Haltung unpassend und inhuman. Tod und Elend treffen nämlich in meinen Augen nie die richtigen.
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Kommentare:
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Das halte ich für zu einfach. Sicherlich ist es richtig, dass es egal ist, wo und warum Menschen sterben. Schadenfreude ist da, trotz aller angebrachten Kritik, das falsche Mittel, soweit gebe ich Ihnen natürlich recht. Aber die Frage ist, ob die Politik, die in einem Land betrieben wird, solche Situationen verhindert oder es zumindest versucht oder nicht. Und in den USA ist die Politik leider nicht in der Lage gewesen (oder willens), ein solches Szenario abzuwenden. So einfach ist das.
Wenn alles so einfach wäre… grunz Genaugenommen ist das ein mathematisches Problem. „Amerika“ ist nicht gleich „Amerika“. Im ersten Fall bezeichnet es die verantwortlichen Politiker, im zweiten Fall die Betroffenen auf der Straße. Die Schnittpunkte zwischen beiden Mengen sind entweder nicht existent oder sogar zu vernachlässigen. – Mit Schlagwörtern läßt sich zwar vielleicht leichter jonglieren, aber man sollte nicht damit rechnen, damit rechnen zu dürfen…
Von mir daher kein Ätsch-Bätsch und keine Verschwörungstheorien. („USA WUSSTEN VON HURRIKAN“) Mehr als mein bißchen Mitgefühl und gegebenenfalls ein paar Cent kann ich nicht geben. (Darf Deutschland sich leisten, jetzt Care-Pakete zurückzuschicken?)
Insofern dake für den Eintrag – mit dem Kommentar komm ich nicht so ganz klar. Aber wenn mans sauber trennt, meinetwegen brennende Sorge für die Bevölkerung und ein Attest für Unfähigkeit für die Politik. (Letzteres scheint mir aber zu verdächtig einfach…)
@ Kraxler: Ob und wie die Politik versagt hat, war nicht Thema meines Eintrags. Meine Frage war, was denkende Menschen dazu treibt, in einer menschenverachtenden Art und Weise ihre Schadenfreude à la „Das geschieht ihnen recht“ ungefragt öffentlich herausposaunen zu müssen.
Hmm, was ich nicht verstehe, die Flutkatastrophe in Indonesien, gabs da keine Vergewaltigungen und Plünderungen. Warum wird das von den Medien so breit getreten. Oder müsste man das so sehen: in Indonesien gabs nix zu Plündern, daher hat sich das automatisch von selbst erledigt? Natürlich ist das was in New Oreleans und den restlichen Betroffenen Gebieten die absolute Katastrophe, aber sollte das größte Land der Welt nicht im Stande sein sich selbst zu helfen. Wir sprechen ja nicht von einem kleinen 3. Welt-Land. Viel trauriger finde ich dass wir als Deutsche uns wieder Gedanken machen ob wir spenden oder nicht. Und wir werden wieder spenden, wenn wir es nicht sogar schon gemacht haben. Aber was ist mit unseren Leuten in Bayern, Österreich, bei denen standen oder steht auch das Wasser im Keller, spricht eigentlich noch jemand von denen. NEIN, wir werden wieder aufgerufen zum spenden, aber nicht für die eigenen Leute, sondern dem der mehr Aufmerksamkeit erreicht. Das finde ich Schade. Hinzu kommt, wenn es uns in Deutschland soooooo schlecht geht, wo kommen dann die ganzen Spenden her? Und wenn irgendwo auf der Welt eine ähnliche Katastrophe passiert, hört man da was von Spenden der Amerikaner? Naja, dies ist eine der Diskussionen bei der man sich irgendwann im Kreis dreht. Aber mit Schadenfreude hat das alles eigentlich nix zu tun. Auch wenn es einige Punkte in der Politik gibt, die manchen so denken lassen könnten. Aber die Situation bleibt verherend und die Medien berichten nicht davon, sie schlachten es aus, nach dem Motto: „Super! Sommerloch gefüllt!!“. Auch wenn Bad News Good News sind, würde ich mir eine neutralere Berichterstattung im allgemeinen wünschen.
@Michael Preidel: Soweit stimme ich ja auch uneingeschränkt zu. Wobei ich sagen muss, dass ich über echte Schadenfreude bisher noch nicht gestolpert bin. Würde mich ehrlich interessieren, wer sowas tut…
@Tobias K.: Manchmal scheint es mir so einfach zu sein. Politik muss nicht immer kompliziert und undurchsichtig sein. Natürlich ist es fast schon zum beliebten Hobby geworden, auf der USA-Politik umzutrampeln, egal was wirklich passiert ist. Das darf aber nicht dazu führen, immer noch auszusprechen, wenn sie wirklich versagt hat.
Zu diesem Komplex gibt es hier ein Video der Fox-News.
@ Kraxler: Ich habe ein paar solcher „Selber schuld“-Kommentare u. a. bei FAZ.net gelesen und konnte es nicht fassen. Mittlerweise sind die übelsten dort gelöscht.
Aber auch aus den USA selbst gibt es Stimmen, die kein Mitleid mit den Opfern, die ja zumeist schwarz und arm sind, haben, siehe corrente, wo ein paar besonders erschreckende Zitate gesammelt sind.
Das Video ist unfassbar, so etwas habe ich noch nicht gesehen. Es ist wirklich schwer vorstellbar, dass so etwas überhaupt passiert, dass die Leute nicht aus New Orleans herausgelassen werden, dass erst nach fünf Tagen die erste zaghafte Hilfe von außen kommt …
Die „Selbst dran schuld“-Kommentare, die ich gehört habe, klangen mehr nach „Hätten sie mal Kyoto unterschrieben“. Darüber kann ich ohne Gewissensbisse lachen, auch wenn es mit dem eigentlichen Thema nicht zu tun hat. Hass auf die USA ist keine Schande, meiner Meinung nach. Um mich vor bösen Blicken diesbezüglich zu fürchten bin ich zu liberal erzogen worden.
Will sagen: Man sollte diese Kommentare nicht immer wörtlich nehmen. Im Großen und Ganzen drücken sie nur eine allgemeine Stimmung aus, die sich in den letzten Jahren aufgebaut/gefestigt hat. Rein subjektiv, ohne Zusammenhang zur Sache.
Was allerdings Zusammenhang hat, ist nicht Kyoto, sondern die Staatsausgaben, die in den USA falsch verteilt werden. Da schwingt meine Stimmung in Mitleid um. Dass die USA ein mehr als marodes Sozialsystem haben sollte jedem bekannt sein. Dagegen könnten die Leute/die Bevölkerung/die Bürger/“das amerikanische Volk“ etwas unternehmen, indem sie keine Schimpansen in ihr schönes Weißes Haus wählen würden.
Da sie das aber nicht einsehen, weil Affen anscheinend drüben mehr Sympathie genießen als Politiker, ist es mir persönlich nicht wichtiger, ob die Leute in Louisiana, Mississippi und Alabama überleben, als in Südostasien oder in den Alpen. Letzteren beiden weine ich lieber Tränen nach. Warum sollte ich Mitleid mit den Bürgern eines Landes haben, dass immerwieder seine Überlegenheit auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt unter Beweis stellt, aber nicht in der Lage ist, sich selbst zu helfen?
Weil die betroffenen Amerikaner nicht mit den Politikern identisch sind.
Weil sie Menschen sind.
Weil soetwas die eigene Menschlichkeit auf den Prüfstand stellt.
Von einem recht simplen Standpunkt aus kann man recht leicht sehen, dass es keinen Unterschied macht, ob man Muslime diskriminiert, weil ein paar Fanatiker sich auf den Koran berufen, oder den Bewohnern von Orleans den Hurrikan gönnt, weil sie im selben Land leben wie Bush und andere Politiker. Alle Formulierungen die mit Hass oder Schadenfreude arbeiten haben mich für mich einfach verloren und ihre Sprecher sind für mich nicht weiter interessant. – Pfui darüber und fertig aus. * kopfschüttel *
Tja, so ist es leider. Ich habe den US-Bürgern keinen Hurrikan gewünscht, weiß Gott nicht. Aber ich bin nicht willens zu spenden. Wenn von diesem Tag an jeden Tag ein Hurrikan über die USA ziehen würde, wäre das Ganze auch in 10 Jahren vollkommen uninteressant. Siehe Afrika, siehe Afghanistan, Irak, Vietnam, Somalia, etc etc (Vollständige Liste US-amerikanischer Interventionen)
Für viele ist das schwer zu verstehen, aber ich gebe einen Scheiss auf die amerikanischen Bürger, die zu träge sind den Schwachsinn zu erkennen (oder zu verhindern, ganz nebenbei), den ihre Regierungen veranstalten.
Alles andere ist für mich (um es mit einem Zitat zu sagen) „pseudoliberale, fenchelteetrinkende Weltverbesserungsscheiße“
@Jannis: _Die „Selbst dran schuld“-Kommentare, die ich gehört habe, klangen mehr nach „Hätten sie mal Kyoto unterschrieben“. Darüber kann ich ohne Gewissensbisse lachen, auch wenn es mit dem eigentlichen Thema nicht zu tun hat. _
Aha. Wenn dieser „Schimpanse“ also das Kyoto-Protokoll unterzeichnet hätte, wären alle Hurrikane mit höflicher Verbeugung vondannen gezogen oder wie? Es ist irgendwie bisschen mager, die Katastrophe allein auf die amerikanische Umweltpolitik zurückzuführen – es ist zwar korrekt dass sie durchaus zu Klimaverschlechterungen führt, aber Hurrikane gibt es schon immer, und New Orleans wurde auch schon öfter von ihnen heimgesucht in seiner Geschichte. Und die Bevölkerung kann dafür nun wirklich überhaupt nichts.
Ich weiß allerdings auch nicht ob ich dafür spenden würde, tatsächlich bräuchte die USA ja nur spontan 5-10% von ihrem Rüstnungsetat kürzen um die gesamte Lage zu klären, da bin ich mir sicher. Dass die jetzt anfangen mit großen Kampagnen Geld einzusammeln (Bush sen. und Clinton), und dass sogar die „Tsunami-Länder“ Geld zurück spenden wollen, zeigt wie schlimm es mit der amerikanischen sozialen Sicherheit steht…
@Kraxler: Die Geschichte wiederholt sich irgendwie, mit etwas anderen Vorzeichen. Siehe diesen Artikel.
http://www.sueddeutsche.de/panorama/artikel/888/59829/4/
Passt sehr gut zu diesem Film.
@alle, die irgendwie klammheimliche Freude verspüren: es trifft auch in diesem Fall die Falschen. Die Leute, die dort jetzt jämmerlich leiden und teilweise verrecken, die haben mit dem Golfkrieg und „amerikanischer Überheblichkeit“ (die ich nicht mal abstreiten will) ganz und gar nichts zu tun.
Wie gesagt, ich bin nicht eines Tages aufgestanden, habe meinen Zauberstab geschwungen und gesagt „Wie wär’s heute mal mit nem Sturm über dem Golf von Mexiko“... Ich bin mir auch im klaren darüber, dass die Bevölkerung in New Orleans nichts für diesen Sturm kann. Und dass die momentan arme Schweine sind… sicher. Keiner will sein Haus überflutet sehen, und seine Stadt im Chaos versinken sehen.
Dennoch weine ich generell nicht über so etwas. Wenn es mich treffen würde, natürlich. Das ist jetzt kein simpler Egoismus (obwohl der auch mitspielt). Es geht mir nur stark gegen den Strich, dass am zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 über zweihundertzwanzigtausend (!!!) Menschen in mehreren Ländern um den indischen Ozean gestorben sind, wir trotzdem fröhlich Silvester gefeiert haben, und jetzt soll ich Mitgefühl für ein paar andere Leute haben? Nö, wieso sollte ich? Was bedeutet für euch denn dieses Mitgefühl? „My thoughts are with the familys of the victims“ oder irgend einen anderen Mist in euer Blog schreiben? An eine frisch aus dem Boden gestampfte Hilfsorganisation spenden? Wir kennen die Leute in New Orleans oder Biloxi genauso wenig wie die 220.000 Asiaten oder die was-weiß-ich-wieviel tausend Afrikaner, die jeden Tag kläglich verrecken. Mehr als vor dem Fernseher sitzen und sich am Leid der Leute in irgend einer Weise aufzugeilen tut doch von euch auch keiner, oder?
Nehmt es mir nicht übel, aber ich nenne dieses Verhalten „hinterfotzig“.
Johannes:
Nein, Kyoto hätte es nicht plötzlich geändert. Aber es wäre ein erster Schritt. Andere nette Vorsichtsmaßnahmen wäre eine ordentliche Evakuisierung gewesen, sowie Finanzierung von Schutzmöglichkeiten. Was denkst du, wieviel wird im Nachhinein für bessere Prophylaxe ausgegeben werden? Interessanter Eintrag dazu
Peter:
Die Leute, die dort jetzt jämmerlich leiden und teilweise verrecken, die haben mit dem Golfkrieg und „amerikanischer Überheblichkeit“ (die ich nicht mal abstreiten will) ganz und gar nichts zu tun.
Darüber ließe sich streiten, oder nicht? Nehmen wir an, die NPD gewänne dieses Jahr die Bundestagswahl und wir zögen nach Protesten in den Krieg mit .
Würdest du wie ein braves Schäfchen dasitzen und abwarten? DAS halte ich nämlich für naiv. Tödliche Passivität als Unwissenheit oder Patriotismus abzutun (obwohl das in den edukationstechnisch unterlegenen US-Staaten vielleicht auch angebracht ist) finde ich gefährlich.
Tut mir leid, dass das soviel Text ist, aber nun gut.
„Die Menschen am Mississippi fordern schon seit Jahrzehnten die Verstärkung der Dämme. Meine Frau bestätigt das. Doch für eine Stadt wie New Orleans mit ihrer überwiegend schwarzen Bevölkerung, die zudem meist demokratisch wählt, ist es besonders schwer, Unterstützung aus Washington zu bekommen. Und wenn die Regierung das Geld dann auch noch selbst braucht, etwa weil sie gerade einen illegalen Krieg führt, passiert gar nichts.“
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,372936,00.html
Ich lese Spiegel Online nicht sehr häufig, an anderer Stelle habe ich auch mal beschrieben, warum. Hätte ich allerdings rechtzeitig diesen unsäglichen Artikel „Bashing statt Spenden“ von Claus Christian Malzahn gelesen, in dem er in journalistisch ebenso viertklassiger wie unverantwortlicher Art und Weise mit der Wahrheit jongliert und in einer jedem Stammtisch zur Ehre gereichenden Bildzeitungsmanier Stimmung gegen die Regierung, die Grünen und insbesondere Trittin macht (siehe auch Who cares about the Flut-Opfers?), hätte ich meinen obigen Eintrag sicher unmissverständlicher formuliert.
Ich wollte nämlich keinesfalls mit einstimmen in den Neocon-Chor der kritiklosen USA- bzw. Bush-Freunde, die sich darüber aufregen, dass man es angesichts der Auswirkungen des Hurrikans wagen könne, über Kyoto zu sprechen.
Ich fand nur diese gleichsam reflexhafte „Wie, die Opfer sind Amerikaner? Na, dann trifft’s ja endlich mal die richtigen!“-Haltung unpassend und inhuman. Tod und Elend treffen nämlich in meinen Augen nie die richtigen.
So, wie du das sagst, klingt es für mich leider wie ein Floskel, die dich humaner darstellen soll, als du wirklich bist. Ich versuche mal, es zeitlich abgegrenzt darzustellen:
Schritt 1: Sturmwarnung. Keiner erwartet ernsthaften Schaden.
Schritt 2: Katrina trifft New Orleans und Biloxi.
Schritt 3: Die Medien berichten.
Schritt 4: Leute sagen: „Tja, hätten sie mal Kyoto unterschrieben“
Schritt 5: Andere sagen: „Wie könnt ihr so pietätlos sein?“
Die Leute in Schritt 4 sagen sich halt „Scheiss drauf, passiert anderen auch, und um die wird kein Wirbel gemacht“. Gerecht, wie ich finde. Aber was bewegt die Personen in Schritt 5, sowas zu sagen? In Schritt 6 wäre die natürliche Folge, dass die Leute aus Schritt 4 sagen „Regt euch ab, ihr macht auch nichts besser mit euren Trauerliedern“.
Ich verstehe einfach den Wirbel nicht, der um die ganze Sache gemacht wird.
Ja, das bringst du deutlich zum Ausdruck, dass du das nicht verstehst.
Ich verstehe nicht, wie man den Selber-Schuld-Vorwurf „hätten sie mal Kyoto unterschrieben“, gerichtet an notleidende, kranke und sterbende Menschen, darunter viele Kinder, allen Ernstes „gerecht“ finden kann und sich auch noch wundert, was Menschen bewegt, in diesem Zusammenhang nach Respekt bzw. Pietät zu fragen. Aber ich verstehe ja auch schon Leute nicht, die ihr Kind zur Strafe noch ohrfeigen, nachdem es sich mit dem Fahrrad langgelegt hat.
Ich verstehe auch nicht, wie denkende und fühlende Menschen einen Unterschied machen können, ob Menschen in den USA bei einem Hurrikan krepieren oder in Asien bei einem Tsunami.
Abgesehen von der Absurdität dieses Kyoto-Vorwurfs – der Hurrikan wäre, ganz unabhängig davon, wie man die starre Haltung der USA in dieser Frage bewerten mag, auch gekommen, wenn die USA das Kyoto-Protokoll unterschrieben hätten –, zeugt so eine Einstellung von einer menschenverachtenden Arroganz, die mir den Atem nimmt.
Nun gut, ich gebe es auf, irgend etwas zu diesem Thema noch weiter erklären zu wollen. Denn eins ist klar: Wer hier nicht „ooooooh“ sagt, gilt als Menschenfeind und Asozialer. Wenn das so gerecht ist, dann ist es auch gerecht, wenn ein paar Leute bei nem Hurrikan absaufen.
Es geht nicht ums „oooooh“-sagen, sondern darum, im passenden Moment seine Ressentiments mal im Zaum halten zu können.
Und du meinst, dass der passende Moment immer derjenige ist, von dem man durch Nachrichten und Radio weiß? Ok, wenn das so ist, werde ich nicht mehr stören.
Nein, der passende Moment ist, wenn gerade zehntausende Kinder, Frauen und Männer krepieren, Not leiden und die Überlebenden ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben.
Ist eigentlich schon mal jemandem aufgefallen, daß man in den Medien (fast) ausschliesslich Menschen schwarzer Hautfarbe sieht. Gibt es in New Orleans keine Weißen?
Wie kann es eigentlich sein, daß eine Supermacht, faktisch die einzig verbliebene, nicht in der Lage ist so eine Situation unter Kontrolle zu bekommen? Das Hilfslieferungen tagelang nicht in die Stadt gelangen. Das die Hälfte der Polizei den Dienst quitiert und vor den marodierenden Banden kapituliert.
Ich bin wahrhaftigengotts kein Freund von Verschwörungstheorien, aber irgenetwas an dieser ganzen Situation macht mich echt nervös.
Ich gebe zu, dass es von mir pietätlos war.
Weil es zum Thema passt und die erschreckenden Ausmaße der Reaktionen klarmacht: Ein Artikel von Spiegel-Online. Einige amerikanische „Religiöse“ scheinen den Hurrikan als gerechte Strafe Gottes zu empfinden. Puh…
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