„Singing in the Echo Chamber“
Am 10. März 2003 äußerte die Sängerin der Dixie Chicks, Natalie Maines, während eines Konzerts in London spontan den Satz: „Just so you know, we’re ashamed the President of the United States is from Texas.“ („Nur damit ihr’s wisst, wir schämen uns dafür, dass der Präsident der Vereinigten Staaten aus Texas stammt.“) Danach spielten sie das Stück „Travelin’ Soldier“. Offensichtlich war diese Bemerkung eine Eingebung des Moments, denn auf früheren Konzerten hatte die Gruppe dieses Lied immer jenen Soldaten gewidmet, die fern von zuhause kämpfen mussten.
Zunächst geschah nichts. Sechs Londoner Zeitungen berichteten vom Konzert, fünf hielten die Bemerkung nicht mal für erwähnenswert. Auch der amerikanische Botschafter, der sich das Konzert angesehen hatte und anschließend die Musikerinnen hinter der Bühne besuchte, sprach sie nicht darauf an. Zwei Tage später veröffentlichte The Guardian eine lauwarme Konzertkritik, in der auf die Bemerkung eingegangen und angemerkt wurde, dass so etwas unüblich sei. Wiederum einige Tage später wurde der Guardian-Artikel auf der ultrakonservativen US-Website freerepublic.com veröffentlicht. Am nächsten Tag war die Geschichte in aller Munde.
Nach den ersten negativen Reaktionen veröffentlichten die Dixie Chicks ein Statement: „While we support our troops, there is nothing more frightening than the idea of going to war with Iraq.“ („Wir unterstützen unsere Truppen, aber nichts ist furchterregender als der Gedanke, in einen Krieg gegen den Irak zu ziehen.“)
Natalie Maines veröffentlichte zusätzlich eine eigene Pressemitteilung: „I feel the president is ignoring the opinion of many in the U.S. and the rest of the world. My comments were made in frustration and one of the privileges of being an American is you can voice your own point of view.“ („Ich denke, dass der Präsident die Meinungen vieler Menschen in den Vereinigten Staaten und im Rest der Welt einfach ignoriert. Meine Bemerkungen waren ein Ausdruck meiner Frustration; und eins der Privilegien, Amerikaner zu sein, ist es, seinen eigenen Standpunkt äußern zu können.“)
Diese Statements heizten die Wut der Kriegsbefürworter allerdings nur noch mehr an. Ohne sich überhaupt näher mit den Inhalten der Statements auseinanderzusetzen, riefen rechte Medien nach Sanktionen und Boykott, Dutzende von Radiostationen und Radio-Networks fingen an, die Dixie Chicks von ihren Song-Listen zu streichen (bei Cumulus Media, einem Netzwerk aus 42 Country Music-Radiostationen, gilt die Sperre bis heute), die Musikerinnen wurden als „Anti-American“ und „Anti-Troops“ beschimpft, öffentliche Massenzerstörungen und -verbrennungen von Dixie-Chicks-CDs wurden initiiert, Fotomontagen tauchten auf, in denen Maines in den Armen Husseins lag, die Gruppe wurde umbenannt in „The Terrorist Chicks“, und von einer Woche zur nächsten waren zwei Top 40 Singles der Chicks aus den Charts verschwunden.
Natalie Maines veröffentlichte eine zweite Pressemitteilung: „As a concerned American citizen, I apologize to President Bush because my remark was disrespectful. (...) While war may remain a viable option, as a mother, I just want to see every possible alternative exhausted before American soldiers’ lives are lost. I love my country. I am a proud American.“ („Als betroffene amerikanische Bürgerin entschuldige ich mich bei Präsident Bush, denn meine Bemerkung war respektlos. (...) Obwohl Krieg möglicherweise eine machbare Möglichkeit sein mag, möchte ich als Mutter einfach jede mögliche Alternative ausgeschöpft wissen, bevor amerikanische Soldaten ihr Leben verlieren. Ich liebe mein Land. Ich bin eine stolze Amerikanerin.“)
Genützt hat es nichts, die CD-Verkäufe sanken von 124.000 pro Woche vor dem Boykott auf 32.000 pro Woche. Emily Robison von den Dixie Chicks, deren Haus im Zuge der Hetzkampagne verwüstet worden war und deren Angehörige Drohanrufe erhalten hatten, dazu: „We’re dealing with bigger issues than CD sales, I’m concerned about the safety of my family.“ („Hier geht es um wichtigeres als CD-Verkäufe, ich sorge mich um die Sicherheit meiner Familie.“)
Das ist meine subjektive Zusammenfassung eines Kapitels aus dem absolut lesenswerten Report „Singing in the Echo Chamber, Music censorship in the U.S. after September 11“ von Eric Nuzum. Auf der Freemuse.org Website können Sie ein PDF des 64-seitigen Reports herunterladen.
Bei Deutschlandradio.de können Sie einen Audio-Beitrag zu diesem Thema anhören: Freemuse Report (mp3, 04:02 Minuten).
Ähnliche Beiträge:
Quicksilver-Tipp: Large Type mit Bordmitteln Rue de la Kack’e
Kommentare:
Bei den Kommentaren handelt es sich um fremde Inhalte, die sich „esse est percipi“ nicht zueigen macht. Verantwortlich für den Inhalt eines Kommentars ist der jeweilige Verfasser.
ich hatte die Dixie Chicks eher durch Zufall beim stöbern der CDs in einer öffentlichen Bibliothek entdeckt, seit ich achttausend Kilometer mit dem Auto in den USA zurückgelegt habe bin ich sehr empfänglich für Country-Music und hatte sofort wieder diese Sehnsucht… habe aber nie so genau auf die Texte gehört, nun ich werde mal in den CD-Laden gehen und sehen was es da noch so von den Dixie Chicks gibt. Solche Dinge machen mich einfach nur wütend, wer Freiheit predigt und sie versucht anderen aufzuzwingen, muss auch im eigenen Land leben.
MacHilly
Also ich sehe hierdrin vorallem eine Meinungsdiktatur.
CD-Verbrennungen und Hausverwüstungen nur weil die Damen gegen den Krieg von Herrn Bush sind.
Da reagiere ich allergisch drauf.
Kommentar schreiben:
FAQ (Häufig gestellte Fragen)
Kommentare:
- Michael Preidel zu Pasta dell’Orto
- Stefan zu Pasta dell’Orto
- Michael Preidel zu CookieCrumble Testflight jetzt auch für macOS
- Götz zu CookieCrumble Testflight jetzt auch für macOS
- Michael Preidel zu Harbor – Sicherer Hafen [Testflight]
- Henning zu Harbor – Sicherer Hafen [Testflight]
Schlagwörter


