Liebes Tagebuch (98)
Oh. Mein. Gott.
Heute Nachmittag vom Kollegen Dirk Hesse einen Link zu 12designer.com erhalten und dort gerade mal ein wenig geblättert.
Da möchte z. B. jemand ein Logo für eine Immobilienplattform haben. Zahlen will er sage und schreibe 250 Euro („Garantiert!“), und sechs Stunden nach „Projekteinstellung“ hat er bereits 37 Entwürfe von 16 „Designern“ erhalten. Wahnsinn!
Der Auftraggeber findet bisher Entwurf 33 und Entwurf 34 am gelungensten. Interessant. Aber okay – was erwartet man von einem Auftraggeber (oder gar von einem „Designer“), wenn für ein Logo inklusive uneingeschränkter Nutzungsrechte gerade mal 250 Euro geboten werden?
In den Allgemeinen Nutzungsbedingungen von 12designer.com liest man u. a.:
Der Auftraggeber erwirbt beim Kauf eines Entwurfs direkt vom Designer die ausschließlichen, übertragbaren, unbefristeten, örtlich unbeschränkten und unwiderruflichen Nutzungsrechte.
Aber was ist mit der Seele? Dass die in der Aufzählung vergessen wurde, hätte nicht passieren dürfen – da rollen mit Sicherheit noch Köpfe.
Siehe auch: Gestaltung zählt und Tipps zu Designaufträgen
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Kommentare:
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Bist du jetzt eigentlich mehr enttäuscht/verägert über die Auftraggeber oder die Designer?
Ich denke, aus Sicht der Auftraggeber kann es durchaus Projekte geben, bei welchen es Sinn macht, ein günstiges Logo einzukaufen. Oder denkst du, dass dies den Markt kaputt macht oder etwas in diese Richtung?
Was will man schon von Leuten erwarten, die noch nicht mal auf die grundlegende Orthographie ihres „Briefings“ achten?
@sprain: Sowas macht nicht unbedingt den Markt, aber auf jeden Fall die Ästhetik kaputt. Was wahrscheinlich sogar viel schlimmer ist.
Verärgert bin ich über beide Seiten. Über die Auftraggeber, weil sie nur 250 Euro für Entwurf und unbeschränkte Nutzung (inklusive des Rechts, diese Nutzungsrechte zu übertragen!) bieten, über die Auftragnehmer (ich vermeide das Wort „Designer“ bewusst), weil die sich überhaupt darauf einlassen.
Ich zitiere mal aus einem Artikel bei Akademie.de:
Um auch „nur“ auf das Gehalt eines durchschnittlich qualifizierten deutschen Angestellten zu kommen, muss ein selbstständiger Dienstleister zurückhaltend kalkuliert 66 Euro in Rechnung stellen! Dabei ist von einem Unternehmer-Gewinn, mit dem zum Beispiel das höhere Risiko abgegolten wird, ebenso wenig die Rede wie von der Verzinsung des eingesetzten Eigenkapitals.
Nach dieser Berechnung hat man bei einem 250-Euro-Logo ca. 10 Minuten für den Entwurf und vielleicht 5 Minuten für die Reinzeichnung zur Verfügung – der Rest geht für die uneingeschränkten Nutzungsrechte drauf.
Natürlich müsste ich mich vorher auch mit dem Unternehmen, der Zielgruppe, der Unternehmenskultur etc. überhaupt erst mal auseinandersetzen, um passende Entwürfe machen zu können, aber das lassen wir mal außen vor, weil das im Budget nicht enthalten ist. Ebenso wenig wie die Abstimmungsgespräche mit dem Kunden, Ausdrucke, Porto etc.
Entsprechend sehen die Ergebnisse dann auch aus, wobei das traurige an der Sache eben auch ist, dass das den Auftraggebern völlig egal zu sein scheint – Hauptsache, es war billig.
Hier mal ein einigermaßen realistischer Artikel, den ich gerade über Scroogle gefunden habe: Wieviel kostet ein Logo?
andere ähnliche Seite: 99designs.com
Die Idee solcher Auftragsbörsen ist ja nicht neu. Mit 99designs hat es vor einigen Jahren im Ausland angefangen, seit letztem Jahr gibt es in Deutschland designenlassen.de. 12designer ist eigentlich nur ein Abklatsch dieser Seite. Das Konzept scheint sich jedoch mittlerweile etabliert zu haben. Bei designenlassen.de kommen mittlerweile täglich mehrere neue Projekte hinzu. Die Qualität der eingereichten Vorschläge hat sich mit der Zeit dort auch immer mehr gebessert und es kann sich bei vielen Projekten wirklich sehen lassen, was dort abgeliefert wird.
Für Aufttraggeber ist das Konzept ideal, vor allem natürlich für Existenzgründer und kleine Betriebe. Dies sind völlig neue Zielgruppen, die sich zuvor einfach kein professionelles Design leisten konnten. Für Designer ist es sicherlich ein zweischneidiges Schwert. Allerdings kann man dort schon ganz gutes Geld verdienen. Bei designenlassen.de gibt es einige Designer, die relativ viele Projekte gewinnen. Das lohnt sich für die durchaus. Und wenn man als freier Designer gerade ein paar freie Kapazitäten hat, spricht doch nix dagegen, dort mitzumachen.
@Sven: Sie sind nicht zufällig einer der Betreiber, der hier ein bisschen Werbung machen möchte? „Bei designenlassen.de kommen mittlerweile täglich mehrere neue Projekte hinzu.“ Super. Deshalb sind es auch sage und schreibe 31 Projekte (bei 12designer sind’s immerhin 69), die dort zur Zeit laufen. Aber egal.
Jedenfalls: Wenn Sie 100 Euro für ein Logo inklusive sämtlicher uneingeschränkter Nutzungsrechte und dem Recht, die Arbeiten ändern zu dürfen für „ganz gutes Geld“ halten, dann gestalten wir wohl in verschiedenen Ligen. Überhaupt betrachte ich diese Portale eher als Spielwiesen Jobbörsen für Hobbydesigner. Mit Betonung auf Hobby.
Übrigens: Wenn man sich mal anschaut, was dort bisweilen „designt“ wird, sind oft sogar 100 Euro noch zu teuer – was nutzt einem ein Logo, das zwar billig war, aber auch so aussieht?
Hallo Michael,
nein, ich bin keiner der Betreiber von designenlassen.de. Ich bin eher ein Mitglied der ersten Stunde auf diesem Portal. Seit Dezember letzten Jahres bin ich dort dabei, habe vier Projekte gewonnen. Ertrag und Aufwand standen dabei bei mir immer in einem guten Verhältnis. Ich nutze das Portal wirklich nur, wenn ich freie Kapazitäten habe und mache auch nur bei ausgesuchten Projekten mit. Sicherlich gibt es dort auch Designer, die vielmehr Zeit in die Projekte stecken und viel weniger Ertrag haben. Mein Stundenlohn dort war bis jetzt ok. Nicht überragend, aber für nebenbei ganz gut.
Was die Projektanzahl angeht: Bei 12designer stehen alle Projekte in der Liste, also auch die abgeschlossenen. Laufende Projekte sind dort meistens so um die 10. Die Preisgelder sind dort auch manchmal erschreckend niedrig, das ist bei designenlassen schon eher im Rahmen.
Und 100 Euro für ein Logo finde ich natürlich auch zu wenig, bei einem solchen Projekt würde ich auch nicht mitmachen. Bei designenlassen git es im übrigen auch eine Untergrenze für das Budget, deshalb sind solche Preisgelder dort auch nicht möglich. Auch ein Grund, warum ich der Plattform trotz neuer Konkurrenz treu geblieben bin.
@Sven: Doch, man kann auch ein Logo für 100 Euro dort bestellen: Sabine’s Frisörsalon [sic].
Aber schon alleine die Tatsache, dass in 17 der 18 Entwürfe der falsch gesetzte Apostroph gedankenlos übernommen wurde, gibt einem zu denken. Dass in neun Entwürfen dann auch noch ein Accent aigu anstelle eines Apostrophs verwendet wurde, erscheint da nur konsequent. Echte Apostrophe gibt es wahrscheinlich erst ab 200 Euro aufwärts …
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