Liebes Tagebuch (190) – „Verkehrliche Herausforderungen der Zukunft“
A24 ohne Tempolimit
Ich fasse mal zusammen:
- Die A24 war vor 20 Jahren ein Unfallschwerpunkt (im Jahr 2002 starben bei Unfällen acht Menschen), deshalb wird 2003 ein Tempolimit von 130 km/h eingeführt
- Die Unfallzahlen sinken in den folgenden Jahren drastisch
- Im März 2023 wird das Tempolimit aufgehoben (übrigens gegen den Rat der Polizei!). Begründung: Es gebe so wenig Unfälle, dass ein Tempolimit nicht gerechtfertigt sei.
- Die Unfallzahlen steigen fortan drastisch, am vergangenen Wochenende (9. und 10.9.23) gab es 12 schwere Unfälle mit 27 beteiligten Fahrzeugen
Tja, wer hätte das gedacht?! Die Autobahngesellschaft des Bundes, die mit ihrer bestechenden Logik das aufgehobene Tempolimit zu verantworten hat, offensichtlich nicht – präventive Maßnahmen zur Unfallvermeidung seien angeblich nicht möglich. Mit anderen Worten: Es muss erst was passieren, damit etwas passiert. Das ist zynisch.
Verkehr in Berlin
In Berlin ist es noch schlimmer. Allein in unserer unmittelbaren Umgebung stehen drei Geisterräder, das letzte ist Anfang Juli dazugekommen, nachdem eine Radfahrerin von einem auf einen Parkplatz abbiegenden LKW-Fahrer auf dem Radweg (!) überfahren und getötet wurde. In diesem Jahr gab es in Berlin bisher sieben getötete Radfahrende, zwei davon durch abbiegende LKW und einer durch Dooring. Das kümmert die neue CDU-Verkehrssenatorin herzlich wenig: Eigentlich geplante Radverkehrsprojekte sollen nicht gebaut werden, „wenn dafür ein Parkplatz oder Fahrstreifen wegfällt“. Das ist, mit Verlaub, äußerst zynisch.
Aber viel mehr kann man von einer CDU-Fraktion wohl auch nicht erwarten, die auf ihrer Website schreibt:
Rot-Grün-Rot verteufelt das Auto, will die Berliner zu Radfahrern umerziehen. Doch dieser Kulturkampf bringt Berlin nicht voran. Er ist keine Antwort auf die verkehrlichen Herausforderungen der Zukunft.
Ganz abgesehen vom üblen Framing der Wortwahl („verteufelt“, „umerziehen“, „Kulturkampf“) – wer im Jahr 2023 immer noch nicht begriffen hat, dass eine Verkehrswende kein „Kulturkampf“, sondern angesichts des rasanten Klimawandels und verstopfter Innenstädte eine zwingende Notwendigkeit ist, dem ist in seiner ideologischen Borniertheit wirklich nicht mehr zu helfen.
Die Verkehrswende spielt woanders
Andere Großstädte machen es vor: London und Stockholm verbannen die Autos aus der Innenstadt, Amsterdam und Paris reduzieren die Anzahl der Parkplätze drastisch (Paris sogar um 72%!) und widmen sie wieder in Raum für Menschen statt Autos um, bis 2024 will Paris alle Straßen fahrradfreundlich umgestaltet haben, dazu wurde nahezu im gesamten Stadtgebiet Tempo 30 eingeführt, Oslo strebt an, bis 2030 die erste emissionsfreie Hauptstadt der Welt zu werden, Stockholm will bis dahin klimaneutral sein, in Barcelona wurde die „Rückeroberung der Straße durch die Menschen“ mit verkehrsberuhigten „Superblocks“ eingeleitet, Ljubljanas Innenstadt ist bereits seit 2007 autofrei, in Kopenhagen, das sich „weltbeste Fahrradstadt“ nennt und wo mittlerweile fünfmal mehr Fahrräder als Autos unterwegs sind, baut man Radschnellwege und die Fahrradmitnahme im Nahverkehr ist kostenfrei, in Tallinn ist der Nahverkehr für alle Einwohner kostenlos, ebenso wie in Luxemburg, in Wien gibt es ein 365,- Euro-Ticket für den Nahverkehr, um nur mal ein paar Beispiele zu nennen. Und nebenbei bemerkt: Die Bewohner dieser Städte sind, ebenso wie die Geschäftsinhaber, äußerst zufrieden mit diesen Maßnahmen.
Es ist also überhaupt nicht so, dass man keine positiven Vorbilder hätte und für eine Verkehrswende in Berlin quasi bei Null anfangen müsste. Dennoch setzt der CDU-geführte Senat zunehmend wieder auf den Individualverkehr und die Vorherrschaft des Autos – offensichtlich seine höchsteigene „Antwort auf die verkehrlichen Herausforderungen der Zukunft“.
Ähnliche Beiträge:
Roma ZigBee and Wi-Fi Coexistence
Kommentar schreiben:
FAQ (Häufig gestellte Fragen)
Kommentare:
- Michael Preidel zu Pasta dell’Orto
- Stefan zu Pasta dell’Orto
- Michael Preidel zu CookieCrumble Testflight jetzt auch für macOS
- Götz zu CookieCrumble Testflight jetzt auch für macOS
- Michael Preidel zu Harbor – Sicherer Hafen [Testflight]
- Henning zu Harbor – Sicherer Hafen [Testflight]
Schlagwörter