Der Designer des wohl berühmtesten Logos der Welt: „I ♥ NY“
Susan Kare, Iconographer and Designer
Es gibt Funktionen, die verschwinden und niemand vermisst sie. Und es gibt welche, bei denen man auch Jahre später noch merkt, wie sehr sie einem fehlen – dazu gehören für mich die Pop-up Fenster.
Pop-up Fenster in Mac OS 9, ca. 1997
Wer mit Mac OS 8 oder 9 gearbeitet hat, erinnert sich vielleicht: Man konnte ein Finder-Fenster an den unteren Bildschirmrand ziehen, und es klappte sich zu einem schmalen Reiter zusammen. Nur Name und Icon blieben sichtbar. Ein Klick, und das Fenster war wieder da. Zog man eine Datei über den Reiter und hielt kurz inne, öffnete es sich automatisch.
Auf den Bildschirmen von damals – 14, vielleicht 15 Zoll, wenn man Glück (und Geld) hatte, auch 19 – war das kein nettes Gimmick, sondern eine echte Hilfe. Bildschirmfläche war kostbar, und mit Pop-up Fenstern hatte man mehrere Ordner gleichzeitig griffbereit, ohne dass sich die Fenster gegenseitig verdeckten.
Dann kam Mac OS X. Mit neuer Fensterverwaltung und dem neuen Dock, das nun den unteren Bildschirmrand einnahm – damit waren die Pop-up Fenster Geschichte.
Aus damaliger Sicht war das nachvollziehbar. Das Dock übernahm schließlich eine ähnliche Rolle und konnte minimierte Fenster als Symbole aufnehmen. Aber es war eben nicht dasselbe.
Ein Dock-Symbol ist ein Icon unter vielen. Ein Pop-up Window war ein Fenster, das für einen Moment aus dem Weg war, aber an seinem Platz blieb – geordnet, übersichtlich und sofort wieder zur Hand.
Ich habe das lange vermisst. Nicht täglich, aber immer mal wieder, wenn ich mit vielen offenen Finder-Fenstern jonglierte und dachte: Könnte man die Fenster doch kurz irgendwie beiseite räumen…
Also habe ich es nachgebaut
Genauer gesagt: Ich habe etwas gebaut, das ziemlich nah dran ist.
macOS lässt einem als Entwickler heute nicht mehr die Freiheit, tiefer in das Fenstersystem einzugreifen. Fensteranimationen lassen sich nicht direkt steuern, und den nativen Genie-Effekt kann man nicht einfach umlenken.
Also musste jeder Baustein über Umwege entstehen: Die Bedienungshilfen-API beobachtet und steuert die Fenster. Ein Screenshot des Fensterinhalts hält den Zustand beim Minimieren fest, damit beim Wiederherstellen kein hässlicher Sprung entsteht. Und AppleScript muss den Ordnerpfad eines Finder-Fensters ermitteln – eine passende API stellt der Finder dafür leider nicht bereit.
Herausgekommen ist PopUpWindow
Ein Doppelklick auf die Titelleiste eines Finder-Fensters, und es schrumpft mit einer kurzen (optional abstellbaren) Animation zu einem Reiter am rechten Bildschirmrand – wahlweise oben oder unten. Ein Klick auf den Reiter, und das Fenster kommt an derselben Stelle und in derselben Größe zurück.
Zieht man eine Datei über einen Reiter, hebt er sich farblich hervor. Beim Ablegen wird die Datei kopiert oder verschoben – je nachdem, ob Quelle und Ziel auf demselben Volume liegen, genau wie im Finder. Existiert die Datei am Ziel bereits, erscheint der übliche Dialog mit den Optionen „Ersetzen“, „Beide behalten“ und „Überspringen“.
Nach dem Anklicken öffnet sich ein kurzes Screenvideo
Es ist kein 1:1-Nachbau. Manches lässt sich heute schlicht nicht mehr umsetzen. Zum Beispiel habe ich bisher keinen Weg gefunden, ein Pop-up Window während einer laufenden Drag-and-drop-Operation im Finder automatisch öffnen zu lassen.
Aber das Grundgefühl ist wieder da: Fenster, die man kurz aus dem Weg räumen kann, ohne sie schließen zu müssen. Häufig benötigte Ordner bleiben griffbereit, ohne Platz auf dem Bildschirm zu beanspruchen. Ein aufgeräumter Schreibtisch für mehr Übersicht – alles ist da, aber nichts steht im Weg ;)
Genau das, was mir seit Mac OS X gefehlt hat.
PopUpWindow ist noch in einer frühen Alpha-Phase. Wer demnächst beim Betatest dabei sein möchte, schickt mir eine kurze Mail.
2
Man kennt die Szene aus zahllosen Filmen: Zwei Ermittler starren auf ein pixeliges Überwachungsbild. Jemand tippt hektisch auf einer Tastatur, ruft: „Zoom in and enhance!“ – und aus einem verrauschten Fleck wird plötzlich ein gestochen scharfes Nummernschild oder ein klar erkennbares Gesicht. Wer sich auch nur ein wenig mit digitaler Bildverarbeitung auskennt, verdreht dabei unweigerlich die Augen. Schließlich kann man keine Bildinformationen aus dem Nichts erzeugen. Pixel, die nie aufgenommen wurden, lassen sich weder heranzoomen noch nachträglich scharfstellen.
Und doch hat die Realität das Hollywood-Klischee zumindest teilweise eingeholt. Moderne KI-Modelle können aus einem unscharfen, verrauschten oder schwarzweißen Bild eine hochauflösende und kolorierte Version erzeugen, die erstaunlich überzeugend wirkt. Das geschieht allerdings nicht durch die Wiederherstellung verlorener Bildinformationen, sondern mithilfe generativer Modelle. Sie wurden mit riesigen Bildmengen trainiert und haben dabei gelernt, wie Gesichter, Haare, Stoffe oder andere Strukturen typischerweise aussehen. Fehlende Details werden daher nicht rekonstruiert, sondern auf Grundlage dieser gelernten Muster neu erzeugt – statistisch plausibel, aber eben erfunden.
Das Ergebnis kann beeindruckend sein – oft so überzeugend, dass es auf den ersten Blick wie eine authentische Aufnahme wirkt. Dennoch sollte man nicht vergessen, dass diese Details nicht wiederhergestellt, sondern synthetisch erzeugt wurden. Sie sind plausibel, aber nicht zwangsläufig historisch oder fotografisch korrekt.
Nehmen wir als Beispiel dieses nur 230 × 320 Pixel große Schwarzweißfoto links, das mir eine Tante vor einigen Jahren geschickt hat. Mit der Draw Things App, dem Modell Flux.2 [klein] 9B und einem passenden Prompt lässt sich daraus das rechte Bild erzeugen:
Original
KI
Das Gesicht ist natürlich nicht mehr wirklich meins – das Ergebnis ist dennoch eindrucksvoll. (Kurze Zeit später bin ich übrigens unwiederbringlich zum Team „Indianer“ konvertiert.)
Der Prompt:
8K resolution, enhance overall image quality and details while strictly keeping the scene and subject features unchanged. Gently lift shadows, slightly reduce highlights, preserve dynamic range. Preserve natural and realistic skin tones, neutral color balance, reduce red and orange saturation, avoid color cast, no oversaturation, no excessive warmth, photorealistic, high resolution, subtle and balanced enhancement.
Gerade bei alten Familienfotos eröffnet diese Technik interessante Möglichkeiten. Vergilbte, kleine oder stark komprimierte Aufnahmen lassen sich lokal auf dem eigenen Mac oder sogar auf einem iPad deutlich aufwerten: Kratzer und Bildrauschen können reduziert, die Auflösung erhöht und Schwarzweißbilder koloriert werden. So werden Details sichtbar, die im Original kaum noch zu erkennen sind, und Erinnerungen wirken oft deutlich lebendiger.
Dabei sollte man sich jedoch stets bewusst sein, dass das Ergebnis keine fotografische Wahrheit darstellt. Die KI trifft Annahmen darüber, wie Gesichter, Kleidung, Haare oder Farben ausgesehen haben könnten. Häufig liegen diese Annahmen erstaunlich nah an der Realität – garantieren können sie sie jedoch nicht. Für Erinnerungen und die private Archivierung ist das meist unproblematisch, für historische oder dokumentarische Zwecke sollte ein KI-aufbereitetes Bild dagegen immer als solche Rekonstruktion kenntlich gemacht werden.
Das berühmte „Zoom in and enhance“ bleibt also ein Filmklischee. Doch moderne KI zeigt, dass die Realität ihm inzwischen erstaunlich nahegekommen ist.
Leben | Dienstag, 21. Juli 2026
Siehe auch „Heilig’s Blechle“
Leben | Freitag, 17. Juli 2026
Im September stehen in Berlin Wahlen zum Abgeordnetenhaus an. Ein zentrales Wahlkampfthema der CDU ist erneut die Erzählung vom vermeintlich bedrohten „heiligen Auto“. Ein Blick in das Wahlprogramm zeigt, wie diese Erzählung mit Schlagworten, Zuspitzungen und konstruierten Feindbildern politisch aufgeladen wird.
Aus dem Regierungsprogramm der Berliner CDU für 2026-2030, Seite 69:
Berlin wird schneller.
Auto verbieten verboten
Das ist Politik als Phantomschmerz: Man beklagt den Verlust eines Autos, das einem nie weggenommen wurde und auch niemand wegnehmen will. Und übergeht populistisch elegant die Frage, die tatsächlich zur Debatte steht – wie viel öffentlichen Raum darf ein Auto beanspruchen, das 95 % der Zeit nur herumsteht und, wenn es denn fährt, nur mit durchschnittlich 1,3 Insassen unterwegs ist.
Auf Seite 75 heißt es:
Regierungsprogramm 2026-2030 Was wir für ein schnelleres Berlin NICHT brauchen
Berlin wird NICHTS mit Links (als Sticker)
▶ Kulturkampf gegen das Auto
▶ Flächendeckendes Tempo 30
▶ Verkehrspolitik zulasten der Außenbezirke
▶ Pollerwahnsinn, Straßensperrungen und weitere Reduzierung des Parkraums
▶ Ausbremsen von Einsatz- und Rettungskräften sowie der Wirtschaft und des Lieferverkehrs
▶ Abbruch der A100
▶ Ideologischer Kampf gegen Infrastruktur
Damit wird unter anderem suggeriert, „Links“ – wer auch immer damit gemeint sein soll – führe einen „Kulturkampf gegen das Auto“ und einen „ideologischen Kampf gegen Infrastruktur“.
Schon die Adressierung ist bezeichnend: „Links“ bleibt bewusst diffus. Der Begriff bezeichnet weder eine konkrete Partei noch eine Organisation oder klar umrissene politische Position. Gerade dadurch ist er rhetorisch so nützlich: Der Vorwurf richtet sich gegen niemanden im Besonderen und kann zugleich auf jeden angewendet werden, der anderer Meinung ist. Wer widerspricht, ist eben „links“.
Kulturkampf
Auch der Vorwurf des „Kulturkampfs“ ist eine klassische Projektion. Wer mit Schlagworten wie „Pollerwahnsinn“, „Straßensperrungen“ oder „weitere Reduzierung des Parkraums“ arbeitet, beschreibt keine nüchterne Verkehrspolitik, sondern emotionalisiert bewusst. Die Debatte wird in ein identitätspolitisches Freund-Feind-Schema übersetzt: hier das bedrohte „Auto“, dort seine vermeintlichen Gegner.
Genau dadurch entsteht jener Kulturkampf, der anschließend den politischen Gegnern vorgeworfen wird. Aus einer Auseinandersetzung über Flächenverteilung, Mobilität und Stadtplanung wird ein Konflikt zwischen Lebensstilen und Weltanschauungen. Wer ständig vom „Kulturkampf gegen das Auto“ spricht, trägt selbst maßgeblich dazu bei, ihn überhaupt erst zu inszenieren.
Ideologie
Der Vorwurf eines „ideologischen Kampfs gegen Infrastruktur“ ist nicht nur populistisch, sondern auch ein semantischer Taschenspielertrick. Radwege, Straßenbahngleise, Busspuren und Gehwege sind ebenso Infrastruktur wie Fahrbahnen für Autos. Der Begriff wird jedoch stillschweigend so verengt, dass ausschließlich Infrastruktur für den Autoverkehr als „Infrastruktur“ gilt.
Wer anschließend eine andere Verteilung des Straßenraums zugunsten anderer Verkehrsarten fordert, wird so dargestellt, als kämpfe er gegen Infrastruktur an sich – obwohl er lediglich andere Formen von Infrastruktur priorisiert.
Das ist ungefähr so überzeugend, wie zu behaupten, wer für vegetarisches Essen wirbt, führe einen „ideologischen Kampf gegen Nahrung“.
Flächendeckend Tempo 50?
Auch die Ablehnung eines flächendeckenden Tempo 30 gehört längst zum festen Repertoire der Verkehrsrhetorik. Dabei spricht die Faktenlage eine andere Sprache: Tempo 30 erhöht die Verkehrssicherheit erheblich, weil sowohl die Zahl schwerer Unfälle als auch deren Folgen deutlich sinken. Gleichzeitig kann auf innerstädtischen Hauptstraßen der Verkehrsfluss sogar verbessert werden, weil gleichmäßigere Geschwindigkeiten Stop-and-go-Verkehr reduzieren und Kreuzungen leistungsfähiger machen.
Die Behauptung, Tempo 30 bremse den Verkehr grundsätzlich aus („Berlin wird schneller“), hält einer differenzierten Betrachtung daher nicht stand. Sie ist vor allem ein politisches Narrativ – ähnlich wie die Erzählung vom angeblichen „Kulturkampf gegen das Auto“.
Die Erfindung der „Autohasser“
Die Rhetorik im Wahlprogramm ist kein Ausrutscher. Sie folgt einer Linie, die die Berliner CDU seit Jahren verfolgt. So hieß es auf ihrer Website im Zusammenhang mit dem Volksbegehren „Berlin autofrei“:
„Das droht uns in Berlin: In Berlin läuft ein Volksbegehren. Gut organisierte Aktivisten sammeln Unterschriften gegen das Auto, auch mit Geldern aus dem Ausland. Die Ziele der Autohasser werden von vielen Linken und Grünen unterstützt. Kommen genug Unterschriften zusammen, folgt ein Volksentscheid. Bei Erfolg droht ein Gesetz, das Millionen Berliner direkt trifft.“
Dieses kurze Zitat enthält nahezu das gesamte populistische Repertoire: Es konstruiert ein bedrohliches „Wir gegen sie“, arbeitet mit emotionalen Kampfbegriffen wie „Autohasser“ und stellt ein demokratisches Volksbegehren als Gefahr für die Bevölkerung dar.
Besonders bemerkenswert ist der Hinweis auf „Gelder aus dem Ausland“. Er soll offenkundig Misstrauen wecken, ohne zu erklären, weshalb eine Finanzierung aus dem Ausland die politischen Forderungen automatisch fragwürdig machen sollte. Das wirkt umso befremdlicher, als die CDU selbst in den vergangenen Jahren immer wieder mit Affären um Parteispenden, Lobbyeinflüsse und Korruptionsvorwürfe konfrontiert war. Ausgerechnet eine Partei mit dieser Vorgeschichte versucht hier, den Eindruck zu erwecken, von der Finanzierung einer demokratischen Initiative gehe eine Gefahr aus.
Über den eigentlichen Gegenstand – die Frage, wie der öffentliche Raum künftig genutzt werden soll – erfährt man dagegen nichts. Statt über Verkehrspolitik wird über vermeintliche Gegner gesprochen. Aus der Debatte über Flächenverteilung wird ein Kampf gegen „Autohasser“. So entsteht genau jener Kulturkampf, den man anschließend den politischen Gegnern zuschreibt.
Berlin kann mehr
Ich bin guter Hoffnung, dass die CDU in Berlin nach der Wahl im September – nicht nur verkehrspolitisch – keine maßgebliche Rolle mehr spielen wird. Helsinki, Oslo, Stockholm, London, Paris, Barcelona und andere europäische Hauptstädte zeigen seit Jahren erfolgreich, wie Verkehrsplanung für Menschen funktioniert – und nicht primär für Autos. Höchste Zeit, dass Berlin nachzieht.
Siehe auch Wahlprüfsteine 2026: Bekommt Berlin den #NeustartFürsRad?