Atemnot bei Schraubverschluss?
Nachdem ich Anfang der Woche zwei Flaschen Prosecco und eine Flasche Rotwein der mittleren Preisklasse wegen Korkgeschmack ins Weingeschäft zurückgebracht habe (da kenne ich nichts!), stieß ich zufällig auf eine Meldung, die vor einiger Zeit in zahllosen Medien und Newsportalen die Runde machte: Schraubverschluss kein Zeichen für schlechten Wein.
Dem könnte man eigentlich vorbehaltlos zustimmen, würde in der Meldung nicht wieder mal behauptet:
Im Gegensatz zu Naturkorken könne bei Schraubverschlüssen die Gärungskohlensäure nicht entweichen. Bei hochwertigen Rotweinen, die dank der dosierten Sauerstoffzufuhr durch den Korken während der Lagerung nachreifen, werde man Schraubverschlüsse nicht finden.
Was für ein blöd-, schwach- und unsinniger Schmarren. Der Verschluss einer Weinflasche hat einzig und allein die Aufgabe, diese möglichst luft- und flüssigkeitsdicht zu verschließen. Man muss einfach nur mal eine Flasche Weiß- oder Rotwein eine Woche lang offen stehen lassen, um relativ genau zu wissen, warum Wein in Flaschen vor dem Einfluss von Sauerstoff geschützt werden muss.
Das Wein-Plus Magazin schreibt im Artikel „Naturkork oder Schraubverschluss?“:
Es ist übrigens eine irrige Meinung zu glauben, der Wein benötige den Naturkorken, um „atmen“ oder sich entwickeln zu können. Gerade das Gegenteil ist der Fall, jeglicher Zugang von Sauerstoff zum Wein über den Verschluß ist von Nachteil.
Vor ungefähr eineinhalb Jahren schrieb ich schon mal, was ich von Korken und verkorkstem Wein halte, aber ich bin mir sicher, dass sich der „Weinflaschen müssen atmen“-Mythos der Wahrheit gegenüber ähnlich resistent erweisen wird wie der unausrottbare „Spinat enthält besonders viel Eisen“-Volksglaube.
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Kommentare:
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Amüsant ist auch, wenn irgendwelche Wichtigtuer-möchtegern-Weinkenner behaupten, der Wein schmecke nach Kork, und dann vom Kellner freundlich darauf hingewiesen werden, dass der Wein aus einer Flasche mit Silikon-“Korken“ stammt, die häufig im Gastronomiebereich zu finden sind…
Das ist tatsächlich so, meine Schwester arbeitet in einem „Weinkrüger“, dort passiert genau das regelmäßig. Die Mitarbeiter sind jedoch nach dem Motto „der Kunde hat immer Recht“ angewiesen, den Gast nicht auf den Schraubverschluss hinzuweisen, sondern dann einen anderen Wein zu empfehlen. Wenn der Kunde jedoch besonders dreist die Flasche sehen möchte blamiert er sich natürlich endgültig.
Was die Verkorkung angeht, verzichten immer mehr Winzer darauf, weil die Qualität von Kork in den letzten Jahren extrem nachgelassen hat und er auch sehr teuer geworden ist. Das mag daran liegen, dass bspw. die portuiesischen Korkeichen“plantagen“ mithilfe unsinniger EU-Subventionspolitik in Eukalyptus“plantagen“ seit Ender der 80er umgewandelt worden.
Ein durchaus bekannter Sternekoch hier in der Gegend hat mal öffentlich kundgetan, daß er sowieso nur mit, wie er sagte „Chateau Drehverschlüs“ kocht, alles andere wäre zu schade…
Mein Favorit unter den Verschlüssen für Weinflaschen ist der hübsche Glasstopfen von Alcoa.
siehe: www.vino-lok.de
Darüberhinaus zitiere ich eine (fast) aktuelle PM:
Pressemitteilung
Verband der Prädikatsweingüter (VDP), 31.01.2005
Weingut Pfeffingen setzt auf Schraubverschluss
Anlässlich der ProWein wird das Pfälzer Weingut Pfeffingen (www.pfeffingen.de) erstmals seine Weine mit Schraubverschluss präsentieren.
Im etablierten Verband der Prädikatsweingüter (VDP) tut man sich vielfach noch schwer mit Alternativen zum Naturkorken. Nun aber prescht das Pfälzer Weingut Pfeffingen vor. Bei der Fachmesse ProWein, die Anfang März in Düsseldorf beginnt, wird der Betrieb erstmals seine Weine mit dem Schraubverschluss der Marke Stelvin+ präsentieren.
Die neue Verschlussvariante ist eine Weiterentwicklung des in anderen Ländern bereits vielfach bewährten Stelvin-Verschlusses, besticht aber durch seine „luxuriösere“ Optik. Betriebsleiter Jan Eymael ist der Meinung, dass es Besseres zum Abdichten von Weinflaschen gibt als Naturkork, einen „unzuverlässigen Verschluss aus dem 17. Jahrhundert“.
Quelle: VDP-Pressemitteilung
Das finde ich gut, hoffentlich schließen sich viele Winzer an. Nebenbei bemerkt hatte ich in der Zwischenzeit schon wieder eine korkige Flasche …
Der Wein-Autor Michael Pronay hat zum Thema Kork und Alternativverschlüsse einen ausführlichen Text online: Pronay
Außerdem: Erster Bordeaux unter Schrauber! Es ist soweit: Der Wine Spectator hat gemeldet, dass man Château d’Agassac 2004 bei der En-Primeur-Bestellung mit Schrauber ordern könne.
Ludwig
Habe mit Interesse Eure Meinungen hierzu gelesen. Kleiner Hinweis in eigener Sache: Herbst 2006 erscheint bei Eichborn mein neues Buch „Lexikon der Wein-Irrtümer“, in dem der Irrtum „Weinflaschen müssen atmen“ ebenso geklärt wird wie der „Schraubverschluss gibt es nur bei Billigweinen“.
das meine ich schon seit jahrzehnten: kork im mittelpreisigen ist niemals sicher vor verderben, schon gar bei längerer lagerung.
ziehe ich in den günstigwein-bereich, kann kork geschmacklich alles mit dem wein veranstalten. dort hat der schraubverschluss ihn bislang immerhin nicht noch schlechter gemacht, obwohl es guten und günstigen wein gibt.
ich höre sie schon alles abstreiten, sie hätten sich niemals gegen schraubverschluss ausgesprochen und diesen niemals als „asi-wein“ bezeichnet. so sind sie, die gourmants…
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