Herr von Matt und die Erderwärmung
Sehr geehrte so-genannte Blogosphäre, ich habe ja ohnehin die Aufregung um ein paar Worte (Weblogs seien die „Klowände des Internet“, „Was berechtigt eigentlich jeden Computerbesitzer, ungefragt seine Meinung abzusondern?“), die, nebenbei, noch nicht mal für die Öffentlichkeit bestimmt waren, kaum verstanden. Verstanden habe ich auch nicht den darauf folgenden, gleichermaßen reflexhaften wie ausgewiesen minderintelligenten unisono Blogger-Hinweis auf Artikel 5 des Grundgesetzes. Aber egal.
Sind Werber Kokser?
Was ich in diesem Zusammenhang noch viel weniger verstehe: Spricht jemand im Zusammenhang mit Weblogs von den „Klowänden des Internet“ (wie gesagt: nur an ein begrenztes Publikum gerichtet), fühlt sich die Blogosphäre landauf, landab bemüßigt, ihrer Empörung in mehr oder weniger gelungenen Kommentaren Ausdruck zu verleihen.
Da wird dann schon mal ein Brecht-Zitat („Der Schoß ist fruchtbar noch“) missbraucht oder ein ans menschenverachtende grenzender Das sind eh alles Drogenabhängige-Vergleich rausgeholt: „Werber (sind) der Matsch, der manchmal die Ablussrohre verstopft. Da, wo die Koksreste gefunden werden.“ Kurz: Man ist bloglandweit echt und wirklich enorm doll entrüstet über so eine Unverschämtheit eines „Kokshirnis“, der „noch nicht mal aus Deutschland“ kommt und der sowieso keine Ahnung von der „wachsenden Macht der Online-Community“ hat.
(Gott schütze uns vor dieser Macht!)
Schlechte Aussichten
Auf der anderen Seite wurde vor ein paar Tagen auf sämtlichen öffentlich-rechtlichen Kanälen über die NASA-Analyse der Rekord-Zunahme der globalen Erderwärmung im Jahr 2005 berichtet – eine den Fortbestand der Menschheit langfristig äußerst bedrohende Tatsache.
Bedauerlicherweise schweigt die Blogosphäre dazu nahezu komplett: Sucht man heute bei blogstats.de nach 2005 wärmstes Jahr, bekommt man genau einen Treffer, sucht man nach Jean-Remy von Matt (dem Verfasser obiger Zitate), werden immerhin 285 Treffer aufgelistet.
Interessiert eh keine Sau
Was sagt uns das? Dass Blogger eine Herde Schafe sind? Sebstreferenzierend? In der Summe egozentrisch? Unpolitisch? Oder vielleicht: Globale Erwärmung interessiert eh keine Sau? Immer an die Leser denken? Uns wird’s schon nicht treffen? Bis es soweit ist, schaue ich mir die Radieschen sowieso von unten an?
Oder noch anders gefragt: Sind Blogger unumweltbewusst? Ich glaube nicht. Offensichtlich sind aber bei manchen die Prioritäten ein wenig zu arg ins seichte abgedriftet.
Von Blogs als Ergänzung zum traditionellen Journalismus kann jedenfalls zur Zeit keine Rede sein. Dafür ist Blogland noch viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.
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Kommentare:
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Ich würde mal sagen, da wird einiges zu eng gesehen, und Birnen mit Äpfel verglichen. Es wird sehr wohl um die Erderwärmung geschrieben, wobei man bei blogstats.de sicherlich nicht so suchen kann und darf wie oben beschrieben. Da wird man NIE zu relevanten Ergebnissen kommen.
BTW:
Wenn ich unter div. Webmaster Blogs (Themen: Webmaster, Webdesign, Internet, Software, etc.) nach dem Thema Erderwärmung suche, kann man ziemlich sicher sein, dort wenig darüber zu finden.
Wäre doch eine glatte Themenverfehlung.
Ich würde mal sagen, da wird einiges zu eng gesehen, und Birnen mit Äpfel verglichen. Es wird sehr wohl um die Erderwärmung geschrieben, wobei man bei blogstats.de sicherlich nicht so suchen kann und darf wie oben beschrieben. Da wird man NIE zu relevanten Ergebnissen kommen.
BTW:
Wenn ich unter div. Webmaster Blogs (Themen: Webmaster, Webdesign, Internet, Software, etc.) nach dem Thema Erderwärmung suche, kann man ziemlich sicher sein, dort wenig darüber zu finden.
Wäre doch eine glatte Themenverfehlung.
gut, dass der journmalismus sich so gut wie gar nicht mit sich selbst beschäftigt. das ist nur eins von sehr, sehr vielen beispielen, die die vollkommene ironie meines ersten satzes illustrieren.
Ich würde ebenfalls behaupten: Es gibt sicherlich viele verschiedene Blog-Arten, die sich meist unterschiedlichen Themen widmen. Da kann so ein spezielles Thema – nicht dass es uninteressant wäre, aber es fordert nunmal ein gewisses Verständnis – schon mal leicht untergehen.
Hinzu kommt noch, dass sehr viele Blogger – ohne beleidigen zu wollen – nicht unbedingt eigeninitiativ sind, sondern sich gerne auch von anderen Bloggern seichte Vorlagen liefern zu lassen.
Sicher gibt es auch gut recherchierte Artikel in der Blog-Welt. Diese sind aber meist nur die Außnahme. Ein Ersatz oder eine Erweiterung des Journalismus kann daher nicht in einem herkömmlichen Blog gesucht werden. Es müssen dann schon spezielle sein.
Es ist aber doch auch schlicht und einfach so, dass die Leute immer ein konkretes Feindbild brauchen, einen Sündenbock, wenn man so will. So wird, wenn es um Klima- und Umweltschutz geht, gerne heftiges Bush-Bashing betrieben. Das JRvM-Bashing war analog dazu wohl der Ausdruck angestauten Widerwillens gegen eine immer undurchsichtigere Meinungsmaschinerie. (Und damit meine ich nicht nur die „böse“ Werbebranche.) Vieles, was da geschrieben wurde, war aber gar nicht so niveaulos, genausowenig, wie Texte zum Thema Klimaschutz nicht automatisch niveaulos sind, nur weil Bush darin moralisch verdammt schlecht wegkommt.
Dass einige Blogs und Kommentar-Threads Schwachsinn absondern, ist m. E. eine phänomenale Ausbreitung der Troll-Seuche, vermutlich aus sog. „Foren“ stammend.
Ich denke, dass es völlig normal ist, dass sich die Blogger noch mit dem Medium an sich, mit sich selbst beschäftigen müssen. Dafür ist das alles noch zu neu, man selbst noch nicht etabliert genug und die Konkurrenz noch zu groß. Außerdem hat Herr von Matt nun wirklich ein derart billiges Opfer und zudem neues Opfer abgegeben… Die Erderwärmung dagegen ist eben schon des Öfteren durchgekaut worden. Womit ich Ihnen, Herr Preidel, aber nicht widersprechen möchte.
Blogger beschränken sich oft auf bestimmte Sachthemen. Dazu kommt dann meistens noch Blogging als zusätzliches Thema, denn es betrifft Blogger ja unmittelbar.
Logisch, dass da Beiträge übers Bloggen in fast alle Blogs passen, während Umweltschutz nur von wenigen Blogs als Thema ausgemacht wird.
Das heißt nicht automatisch, dass die Mehrzahl der Blogger Blog-Klowände-Vergleiche für wichtiger hält als Umweltschutz.
JRvM kann man niederbrüllen. Die globale Erwärmung nicht.
Wenn man Preidels Vorwurf mal weiterdenkt, dann dürfte sich die Blogosphäre mit maximal zwei Themen beschäftigen: Klimakatastrophe und Atomkriegsgefahr. Alles darunter ist dann bäh, weil nicht hochgehängt genug, oder wie?
Kurz: Der Vorwurf ist billig, weil er so unglaublich leicht zu erheben ist. Egal, welches Thema man gerade diskutiert, ob in der Blogosphäre oder in der Tagespresse: Man wird es immer mit dem Totschlagsargument von der Apokalypse zum Schweigen bringen können.
Na, dann bin ich mal gespannt, wie substanziell hier demnächst die Themen angelegt sind … ;-)
„Sind Blogger unumweltbewusst?“
Was soll die Unumwelt schon irgendjemandem bedeuten?
Wasweißtduden…
„Das heißt nicht automatisch, dass die Mehrzahl der Blogger Blog-Klowände-Vergleiche für wichtiger hält als Umweltschutz.“
Das heißt es sicher nicht – im Umkehrschluss bedeutet es allerdings, dass die Mehrzahl der Blogger über, vorsichtig ausgedrückt, eher belanglose Dinge schreibt; quod erat demonstrandum.
Aber natürlich soll jeder schreiben, wie und was er will. Ich habe ja lediglich festgestellt: Von Blogs als Ergänzung zum traditionellen Journalismus kann jedenfalls zur Zeit keine Rede sein. Dafür ist Blogland noch viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.
Und das wird ja wohl kaum jemand ernsthaft bestreiten wollen.
Das ist natürlich ein Beispiel des in der Blogosphäre üblichen Bashings; egal um wen es geht, ein vermeintlich falscher Schritt und schon findet sich der/die Betreffende in vielen Blogs. Beliebte Opfer sind nicht-standardkonforme Websites und Blogkritiker.
Aber ich glaube, Blogger langsam beginnen davon genug zu haben (so wie Michael). Deshalb hoffe ich auf eine baldige kurze Bashing-Bashing-Phase, nach der nur noch eigene und gute Beiträge erscheinen werden. :-)
Ob dann allerdings auch Erderwärmung ein Thema sein wird, bleibt zu bezweifeln.
Gruß, Eugê
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